BRIEFTAUBENGESCHICHTEN 2009
Zunächst einmal herzlichen
Dank an alle Autorinnen und Autoren, die sich an unserem ersten
Brieftaubengeschichten-Wettbewerb beteiligt haben. Zwar hatten wir auf eine
rege Teilnahme gehofft, waren vom Zuspruch am Ende allerdings doch überrascht:
63 Einsendungen sind bis zum 30. April 2009 (Datum des Poststempels) bei uns
eingegangen: 41 Prosatexte und 22 Gedichte von Autorinnen und Autoren aus
Deutschland, Österreich, Ungarn, Irland, der Schweiz und von der Insel
Formentera. Darunter waren ebenso viele „Gelegenheits-Schreiber“ wie geschulte
Autoren, 61 Erwachsene und zwei Jugendliche unter 18 Jahren. Den Text einer
Jugendlichen haben wir (trotz Überlänge) wegen seiner bemerkenswerten Qualität
berücksichtigt. Kinder hatten sich am Wettbewerb nicht beteiligt.
Die Entscheidung
darüber, welche der 63 Einsendungen hier veröffentlicht werden und welche davon
zusätzlich die (für uns) besten Texte (also Brettspiel-Gewinner) sind, ist
naturgemäß subjektiv. Andere Juroren hätten vielleicht andere Texte gekürt. Wir
haben besonderen Wert gelegt auf ebenso gut geschriebene wie originelle
Beiträge. Auch war uns wichtig, dass die Einsendungen tatsächlich in
irgendeiner Weise von Brieftauben
erzählen. Dazu ein paar Anmerkungen (für die Experten unter unseren Lesern):
-
Brieftauben fliegen immer nur
nach Hause, das heißt, man kann sie nicht an fremde Orte schicken, auch
wenn das eine wunderbar romantische Vorstellung ist: Denn woher sollten die
Tiere wissen, wohin sie fliegen sollen? Wenn also zwei Menschen per Brieftauben
miteinander kommunizieren wollen, muss der eine (für eine befristete Zeit) die
Tauben des anderen besitzen und diese bei sich im Schlag einsperren. Sobald er
ihnen Freiflug gewährt, fliegen die Tiere automatisch nach Hause – und bringen
„ganz nebenbei“ eine Nachricht mit.
-
Brieftauben sind nur selten ganz weiß. Rein weiße Tauben kennen wir
allerdings von Hochzeiten, bei denen sie als Glücksbringer für das Brautpaar
aufgelassen werden. Dass sehr viele Texte mit weißen Brieftauben eingegangen
sind, ist wohl diesem Umstand geschuldet.
-
Brieftauben können eines nicht: Wenn sie schlafen, ihren Kopf ins
Gefieder stecken.
ABER: Da unser
Wettbewerb alle Autorinnen und Autoren, nicht nur Brieftaubenzüchter,
angesprochen hat, hatten solche „Fehler“, wenn sie in gut geschriebenen Texten
auftauchten, keinerlei Einfluss auf die Bewertung.
Wir weisen ausdrücklich
darauf hin, dass die Rechte an sämtlichen nachfolgend veröffentlichten Texten
bei den jeweiligen Autorinnen und Autoren verbleiben. Ein Nachdruck, auch auszugsweise,
ist nicht gestattet – außer, die Verfasser geben Ihnen dazu ausdrücklich
ihre Genehmigung. Zur Kontaktaufnahme wenden Sie sich bitte an uns: E-Mail
Und nun viel Spaß mit
den Brieftaubengeschichten.
DIE BRETTSPIEL-GEWINNER:
Erwachsene:
Niklaus Schmid ●
Christian
Seiffert ● Peter
Suska-Zerbes
Jugendliche:
Die Taube
bleibt an Bord!
Das Meer wälzte sich wie
eine dicke, haarlose Raupe. Kein Windhauch kräuselte die Oberfläche. Wasser und
Wolken waren bleifarben und die Luft an Bord unseres kleinen Schiffes so dick,
dass ein Streichholz genügt hätte, um eine Explosion auszulösen.
Oder ein scharf
gesprochenes Wort.
Vor mehr als
vierundzwanzig Stunden hatten wir mit unserem Segelboot den Club Náutico von
Sant Antoni im Westen der Baleareninsel Ibiza verlassen. Die rund 60 Seemeilen
bis Jávea, dem nächsten Hafen am spanischen Festland, sind nur ein Katzensprung,
wenn der Wind einigermaßen günstig steht. Doch gänzlich ohne konnte es
scheinbar eine Ewigkeit dauern.
„Ich werde wohl alt und
grau sein, bis wir ankommen“, bemerkte meine Freundin Mona, nachdem wir uns
eine lange Zeit angeschwiegen hatten. Sie wollte, dass ich den Hilfsmotor
einsetzte. Doch das ging mir gegen die Seglerehre.
„Unser Boot ist kein
motorisierter Haartrockner und auch keine Rennjacht“, erklärte ich
unnützerweise. „Also, Geduld!“
„Du bist nun mal
langsam. In allem!“
Dass Frauen immer vom
konkreten Thema abweichen und auf ein völlig anderes anspielen müssen. Ich war
wütend. Mona über Bord zu werfen, würde nichts nützen. Die Apfelsinenschale,
die ich vor einer Stunde weggeworfen hatte, schwamm immer noch neben uns.
Es geschah in diesem
explosionsnahen Moment, dass sich eine Taube aufs Vordeck niederließ. Ich sah
darin einen Fingerzeig, meinen Zorn zu dämpfen. Die Taube trippelte umher.
Irgendetwas schien mit dem Flügel nicht zu stimmen. Sie gurrte und setzte sich
auf Monas Aquarelle, die sie zum Trocknen aufs Deck gelegt hatte.
Dieser Vogel, Symbol
des Friedens und der Sanftheit, müsste eigentlich auf jeden Menschen beruhigend
wirken. Mona tobte wie ein Taxifahrer im Verkehrsstau, als die Taube einen
persönlichen Beitrag für die Kunst auf das Papier fallen ließ.
„Schmeiß das Vieh von
Bord!“
Ich ganz Sanftmut: „Die
Taube bleibt!“
Mona sagte nichts. Aber
ich sah, wie sie im Kochbuch blätterte und anschließend eine Seite studierte,
die eine Anleitung für das Braten und Kochen von Tauben enthielt.
„Haben wir nicht noch
einen Rest Sherry in der Flasche?“, fragte sie betont harmlos.
„Die Taube bleibt an
Bord. Lebend!“
„Warum?“, fragte sie,
streitsüchtig aus Langeweile.
Ich weiß nicht, weshalb
ich immer noch glaube, man müsse einer Frau alles erklären. „Es ist eine
Brieftaube. Sie hat einen Ring am Fuß und trägt außerdem eine Botschaft.“
Mona liest
leidenschaftlich gerne Briefe, fremde sogar besonders, auch wenn die in Suaheli
oder Urdu geschrieben wären. Ich hatte ein Stück Papier zusammengefaltet, ging
auf die Taube zu und tat, als ob ich den vermeintlichen Brief von ihr löste.
„Übrigens, der
Empfänger wohnt in Jávea“, sagte ich.
Mona klappte das
Kochbuch zu. Knisternde Ruhe an Bord.
Es dauerte noch
Stunden, bis wir endlich den rotbraunen Felsabbruch des Kaps von Jávea erkennen
konnten, und weitere, bis wir anlegten.
Am Kai stand ein
Uniformierter der Guardia Civil. Er sprach mit einem Mann, der wie ein Fischer
gekleidet war. Aufgekrempelte Hosenbeine, Plastikschuhe, und trotz der Hitze
trug er einen Pullover mit Jacke darüber. Ich ging an Land, trat auf die beiden
zu und grüßte mit einer Handbewegung. Der Fischer zeigte auf den behelfsmäßigen
Käfig, in den ich die Taube gesperrt hatte. Ich radebrechte ein, zwei Sätze auf
Spanisch. Er lächelte freundlich und nickte.
„Das ist der Besitzer
der Taube“, rief ich Mona zu, reichte dem Mann den Kasten, und zusammen gingen
wir in Richtung des Ortes.
Nach einer halben
Stunde kam ich wieder. Mona versuchte ihre Neugier zu unterdrücken, aber es
brodelte deutlich in ihr.
„Man muss eben Geduld
haben, mein Engel. Manchmal lohnt es sich.“ Ich fasste in die Hosentasche und
holte ein Bündel Geldscheine heraus.
„Was? Etwa von dem
alten, ärmlich gekleideten Mann?“, fragte sie gedehnt.
„Ja, genau. Doch nix
ärmlich: steinreicher Landbesitzer. Taubennarr. Leicht exzentrisch. Er hatte
den ganzen Tag auf die Rückkehr seiner Lieblingstaube gewartet.“
„Möchtest du ein Glas
Sherry?“, fragte Mona kleinlaut.
Der alte, nur an
Steinen auf seinem Acker reiche Mann wird es mir verzeihen, dass ich ihn
exzentrisch nannte. Immerhin hatte ich ihm die Taube geschenkt – nur dafür,
dass er mir zeigte, wo ich mit meiner EC-Karte Geld abholen konnte.
Niklaus Schmid
lebt in Duisburg und auf Formentera.
Irmi
Die Benzing¹ aus den 50ern steht
im Wohnzimmer. Heinz putzt sie jede Woche. Wie sein Barometer. Das hängt neben dem
Küchentisch, an dem er seit vielen Jahren alleine frühstückt. Auch zu Mittag
isst. Essen auf Rädern. Nur wenn der Fernseher läuft, merkt er nicht, wie
alleine er ist. Der Enkel meldet sich meist am Wochenende. Kurz. Bei dir alles in Ordnung, Opa? Vor ein
paar Jahren hatte er sich immer noch nach seinem Rennstall erkundigt. Vor
seinen kurzen Spaziergängen setzt Heinz die Uhr in Gang. Und wenn er
wiederkommt, steckt er einen Gummiring in eine Konstatierhülse und in die
Öffnung, dreht am Schlüssel. Er mag das Geräusch des Schlagwerks. Für einen
kurzen Augenblick glaubt er dann auch Flügelschlag zu hören. Gurren. Er sieht
sich seine Zeiten an. Auflassplatz Park. Da gibt es Tauben, aber es schüttelt
ihn, wenn sie näherkommen. Kein
Vergleich. Sein Kabi²
ist das Taxi von Horst, denn hin und zurück klappt es nicht mehr. Die Zeit
nimmt er mit der Armbanduhr. Die ist von Irmtraud. Zur Silberhochzeit. Drei
Kränze hatten die Nachbarn ihnen an die Haustür gehängt: silbern, grün und einer
golden. Was ist? Was war? Und: Was wird sein? Aber die goldene hatten sie nicht
geschafft. Er merkt sich immer die Fahrzeit. Wieder zurück, wenn er den
Streifen aus der Benzing nimmt, zieht er im Kopf die Taxifahrzeit ab.
Auflassplatz Café. Ich muss wieder in den
Heimatschlag. Bringst du mir mal die Rechnung? Heinz kann sich den Namen
der Bedienung nicht merken, obwohl sie die Tochter einer Freundin von Irmtraud
ist. Nach dem Café dauert es immer besonders lange, bis er endlich die Hülse in
der Benzing versenken kann. Das liegt nicht wirklich an seinem Hüftgelenk. Eher
an seinem fehlenden Antrieb, nach Hause zu kommen. Die Witwerschaftsmethode hat
bei seinen Tauben immer gut funktioniert, aber auf ihn wartet niemand mehr zu
Hause. Beim Einkauf lässt er die Uhr aus. Dann muss er mit Horst auch zurück,
weil ihn die Plastiktüten so schnell aus dem Gleichgewicht bringen. Schlechtwetterfront, sagt er immer zu
Horst, den Auflass kann ich nicht
verantworten. Horst lacht dann, er ist auch im Verein. Wenn die Uhr voll
ist, ist im Sommer ein Monat vergangen, im Winter auch mal zwei: sein Konkurs³ nach der Hüftoperation. Seit der ist es auch auf dem
Dachboden still geworden. Seit sechs
Jahren. Sieben? Manchmal möchte er hoch, einfach dort stehen, sein
Rennstall, die Augen schließen und den Geruch einsaugen. Aber er kommt die
schmale Holzstiege einfach nicht mehr rauf. Also bleibt ihm nur die Benzing.
Heute war er nicht los, denn heute Abend ist Jahreshauptversammlung. Er hat
sich ausgeruht. Schon fertig angezogen. In einer halben Stunde kommt Horst.
Sogar die Manschettenknöpfe hat er an. Von Wilhelm zur Hölzernen: Tauben, in
Perlmutt geschnitten. Er streicht mit der Hand über die Konstatieruhr. Seine
erste Taube überhaupt war ein Geschenk von Onkel Wilhelm zur Konfirmation. Wilhelm durfte er seit Vereinsbeitritt
zu ihm sagen. Nicht jede Taube bringt
einen Ölzweig – aber unsere bringen zumindest immer einen Ring – seinen
Lieblingsspruch hatte Wilhelm oft auf Versammlungen gebracht. Als Heinz schon
zwei Jahre Reisender war – zum Glück nur mit äußerst wenigen
Auswärtsübernachtungen –, hatte er Irmtraud kennen gelernt. Sein Täubchen. So
hatte er sie nie direkt genannt, aber in Gedanken war sie es immer. Die
Büromöbelfirma war zufrieden mit ihm. Zuverlässig, bei den Kunden beliebt. Am
Tag ihrer Verlobung hatte er eine Zweiwöchige beringt und sie Irmi genannt.
Ihren Ring trägt er immer noch im Portmonee. Sein allerbestes Pferd im Schlag.
Unzählige Preisflüge. Das erste Ehejahr hatte ihnen nicht nur ihre Tochter
geschenkt, sondern auch die besten Zeiten überhaupt in seiner aktiven Zeit. Irmi. Das war ihre erste Saison als
Alttaube gewesen. Und eins hatte er seit der Hochzeit in all den Jahren
beibehalten: Bei jedem Preisflug trug Irmi einen kleinen Zettel für seine Frau
heim. Ein Jahr war schrecklich gewesen, als der Marder in der Siedlung umging
und auch bei ihm in den Schlag eingestiegen war – fast die Hälfte schon
totgebissen, als Heinz im Schlafanzug nach oben stürzte. Hoffentlich nicht Irmi, ging es ihm durch den Kopf. Irmi war Gott
sei Dank nicht unter den Opfern gewesen. Und: Wo Tauben sind, da fliegen Tauben zu. Wilhelms zweitliebster
Spruch. Bald war der Schlag wieder voll belegt. Irmi trug weiter seine
Zettelchen heim. Es kostete sie Zeit. Aber das war ihm egal. Knappe, winzig
kleine Liebesbriefchen, oft ähnlich. Irmtraud hatte sie alle aufbewahrt. Erst
vor vier Jahren, nach ihrer Beerdigung, entdeckte er sie wieder, als er mit
Hilfe ihrer Tochter Irmtrauds Kleiderschrankseite ausräumte: Eine kleine
Holzkiste. Alle seine Nachrichten darin sorgsam aufgerollt. Da hatte er endlich
weinen können. Im gleichen Jahr hatte er mit Horst nach der Versammlung am
Tresen gestanden, wollte zahlen und hatte sein Portmonee geöffnet. Irmis Ring
fiel heraus und kullerte direkt unter den Fuß der Kellnerin. Horst hatte sich
für ihn gebückt, Heinz konnte ja nicht wegen der Hüfte. Verbogen. Es klingelt. Horst. Horst grüßt ihn und witzelt. Dein Kabi ist startklar. Für diese Fahrt
bleibt der Taxameter aus. Und heute Abend wird Heinz wieder von seinem
Rennstall und natürlich von Irmi erzählen, als säße er daheim im Schlag. Und
für Momente wird es so sein, als warte Irmtraud zu Hause auf ihn.
Anmerkungen: ¹ Benzing: eine mechanische
Taubenuhr, ² Kabi: ein Tauben-Transporter (LKW), ³ Konkurs: Zeitspanne von der
ersten bis zur letzten Preistaube (das schnellste Drittel der heimkehrenden
Tauben).
Christian Seiffert lebt in Sieverstedt.
Ein fast
genialer Plan
Dienstag, 28. Februar
1854.
„Anna, dieses Mal kann
nichts schiefgehen!“
Theodor schaute sich
nervös um, zögerte nur einen Moment, denn seine Flucht vor solchen ehelichen Auseinandersetzungen
kannte gewöhnlich nur zwei Richtungen: hinauf zum Taubenschlag oder ins Zentrum
von Augsburg.
Er entschied sich,
seinen Ärger in der Stadt herunterzulaufen. Zwar hätte er oben im Taubenschlag
mehr Ruhe, seinen Plan noch einmal durchzugehen, aber seine Gattin würde weiter
mit ihrem Gekeife hinter ihm her sein.
Entschlossen nahm er
den ausgebeulten Zylinder, weil es keinen Sinn machte, diesen vertrauten Streit
fortzuführen. Er wusste selbst, dass es wieder einmal an allem fehlte.
Er konnte deutlich
ihren skeptischen Blick in seinem Rücken brennen spüren. Zu oft hatte er ihr
bereits zugesichert, dass der nächste Coup sie zu reichen Leuten machen würde.
„He, du Depp! Kannst
nicht aufpassen.“ Der Kutscher winkte im Vorbeifahren wütend mit der Peitsche.
Theodor sprang
erschreckt zurück, da er fast in die Pferde gelaufen war. „Herrschaftszeiten,
dass immer alles schief gehen muss“, fluchte er vor sich hin, während er die
Straße hinaufstapfte. „Morgen Abend werden wir reiche Leute sein“, versuchte er
sich zu trösten.
Dieses Mal würde alles
anders werden, schließlich hatte er dazu gelernt: Beim vorletzten Mal hatte er
das Pech, die gestohlene Halskette nicht schnell genug weitergegeben zu haben,
sodass er den kalten Winter 1852 im Gefängnis verbringen musste. Bei dieser
Erinnerung schüttelte er erbost den Kopf. Das hatte ihm passieren müssen, ihm,
der in einschlägigen Kreisen als anerkannter Meister des Schmuckdiebstahls
galt.
Natürlich lernte er aus
solchen Missgeschicken. Er hatte darauf einen Jungen wochenlang mit mühevollen
Übungen angelernt, den Schmuck zu übernehmen und sofort zu verschwinden. Der
Bursche hatte seine Sache gut gemacht, zu gut. Der war sofort nach dem
Diebstahl mit den Juwelen verschwunden und ... seitdem nicht wieder aufgetaucht.
Nein, man konnte in
diesem Geschäft keinem trauen. Jedenfalls keinem Menschen.
Das hatte ihn damals
auf diesen genialen Gedanken gebracht. Die Vorbereitungen hatten allerdings den
ganzen Sommer 1853 in Anspruch genommen. Brieftauben konnten wie Rennpferde
trainiert werden. Glücklicherweise fanden seine gefiederten Freunde immer
wieder zu ihrem Schlag zurück.
Natürlich war er nicht
so dumm, nur eine Taube auszubilden. Wie schnell konnte eine verloren gehen.
Besser man hatte in einem solchen traurigen Fall eine Alternative. Aber den
ganzen Sommer gab es keinen Ausfall.
Alle seine drei Tauben
konnten in kleinen Behältern ein bestimmtes Gewicht tragen – dieser Tatsache
hatte er sich vergewissert. Eine Halskette würde kein Problem darstellen. Er
hatte verschiedene Möglichkeiten ausprobiert. Von Kaufbeuren, Kempten und sogar
von Immenstadt fanden alle drei Tauben ihren Weg zurück hierhin nach Augsburg.
Gut, da war noch das
Risiko mit dem Wetter. Die Fähigkeiten der Tauben, ihren Weg zurückzufinden,
konnten nämlich durch ungünstige Witterungsbedingungen erheblich eingeschränkt
werden. Aber mit einem Blick in den Himmel vergewisserte sich Theodor, dass
alles für gutes Wetter sprach. Nein, es würde gewiss kein Problem darstellen.
Seine Frau ebenfalls
nicht. Klugerweise hatte er dieser nicht von seiner neuen Strategie mit den
Tauben erzählt. Wozu auch? „Du wirst schon sehen! Sie werden uns noch aus einer
Notlage retten!“, hatte er ihr versichert, als Anna sich wieder einmal über das
ewige Gurren beschwerte.
Den Winter 53/54 hatte
Theodor wie ein Klaviervirtuose genutzt, um seine Fingerfertigkeit zu üben. Er
war der Beste und Geschickteste, ein wahrer König unter den Taschendieben.
Sein Plan war denkbar
einfach, wie alle seine genialen Einfälle. Am folgenden Tag, am 1. März 1854,
würde nach elfjähriger Bauzeit die Ludwig-Süd-Nord-Bahn in der gesamten Strecke
befahrbar sein.
Die Zeitungen hatten
dieses Ereignis schon über Wochen angekündigt. Er selbst würde sich in Augsburg
unter die erlauchten Herrschaften mischen, und bis Lindau würde sich in dem
feierlichen Eröffnungstumult die eine oder andere Gelegenheit bieten, um ...
Als angeblicher
Journalist hatte er sich mit falschen Papieren eine Freifahrt von Augsburg nach
Lindau sichern können. Natürlich hatte man sein Anliegen bei der Bahnbehörde
verstanden, drei Brieftauben in einem Käfig mitzunehmen, um die frohe Nachricht
von der ersten erfolgreichen Fahrt von Hof nach Lindau so schnell wie möglich
an die Redaktion zu schicken.
Und mit den Tauben
würde auch sein letztes Problem beseitigt: Die Beute aus dem Zug zu bringen. Er
ging im Detail noch einmal die einzelnen Schritte durch, tastete zum
hundertsten Mal nach der Fahrkarte. Alles in Ordnung!
Ein Blick auf die
Sprungdeckeluhr: Zwei Stunden waren fast genauso spurlos wie sein
ursprünglicher Ärger vergangen.
Er machte auf der
Stelle kehrt: „Morgen um diese Zeit werden wir reich sein.“ Er lächelte
triumphierend, rieb sich die Hände. Als Theodor sich seinem Wohnhaus näherte,
wurde er doch etwas unruhiger. Die Kutsche seines Schwagers stand vor der Tür.
Theodor bekam plötzlich Angst, beschleunigte seine Schritte. Seine Gattin kam
ihm schon mit lachendem Gesicht entgegen: „Du hattest recht gehabt. Sie haben
uns aus einer Notlage gerettet.“ Sie wies mit einem Finger hoch zum
Taubenschlag.
Erst in diesem Moment
roch Theodor den verführerischen Duft ... von gebratenen Tauben.
Peter
Suska-Zerbes lebt in Kaufbeuren.
Im Flug
Eine
Taube
bringt den Wolken
eine
Nachricht
aus
der Ferne,
leise knirscht
der
erste Schnee –
weiße
Hoffnung
kalter
Erde
fliegt vorüber.
Halte
an!,
baten flüsternd
stolze
Tannen,
bis sie längst
im Blau verschwand
und
die vielen
Sonnenstrahlen
sich
zu klaren Pfützen
schmolzen.
Slata Roschal
ist 17 Jahre alt und lebt in Schwerin.
Doppelhochzeit
Die Tauben, schneeweiß schimmernd
im behelfsmäßigen Transportverschlag, gaben weich rollende, lang gezogene Laute
von sich. Traudel hatte sich hinabgebeugt und sprach ihnen mit
schmeichlerischer Stimme zu. Dann wandte sie den Kopf und sagte über die
Schulter: „Sieh mal, Friedebert, sind die Vögelchen nicht süß?“ Sie gurrte bei
diesen Worten beinahe selbst wie eine Taube und das „süß“ klang als
jubilierender Kiekser aus. Friedebert beeilte sich, ihr zu versichern, dass die
Vögel in der Tat zum Anbeißen seien, schalt sich dann aber sogleich innerlich
ob seiner Antwort, die sich ihm als unsensibel zu seinen Ungunsten auslegen
ließ, zumal er erst vorgestern gleich drei Hühnerschlegel vom Grill genossen
hatte. Doch Traudel achtete sich seines Kommentars nicht weiter, sie neigte
sich vor – woraufhin sich ihr hochgesteckter Schleier prompt im feinen
Maschendraht verfing. Traudels Reaktion, die zugleich Wehklage und ein
nachdrücklicher Aufruf an Friedebert war, galant herbeizueilen, brachte die
Tauben ein wenig in Unruhe: Sie ruckten mit den Hälsen, legten die Köpfe
schief, und die eine oder andere flatterte kurz mit den Flügeln. „Mein
Täubchen“, meinte Friedebert gänzlich unnötigerweise, als er seiner Braut aus
ihrer Misere half, „die Vögel sollten sich doch nicht enervieren.“
Nun, wo sich Traudel
und Friedebert endlich entschlossen hatten, einander doch zu heiraten, glaubten
sie, ihren Familien und Freunden, die der vieljährigen wilden Ehe so duldsam
gegenübergestanden waren, eine Trauung mit allen Schikanen schuldig zu sein.
Traudel hatte auf eine Hochzeit in Weiß gedrängt, mitsamt einem Dutzend
Hochzeitstauben: Friedeberts angehende Gattin hatte sich derlei in diversen
Traumhochzeiten im Fernsehen angeschaut und sich auch in dieser Hinsicht nicht
hintangesetzt wissen wollen.
Die Hochzeit in der
eigens hierfür gemieteten, malerisch auf einem Hügel stehenden Kapelle
versprach denn auch ohne Komplikationen vonstatten zu gehen. Nichts weniger
hatte Traudel erwartet und Friedebert nichts mehr erhofft. Im Tausch der
Trauringe fand die Feierlichkeit ihren Höhepunkt, und sie hätte sicherlich noch
fortgedauert, wenn nicht just nach dem wechselweise beteuerten „Ja, ich will!“
von Traudel und Friedebert ein naseweiser Neffe von Letzterem aus purer
Neugierde den mittlerweile in der Sakristei deponierten Taubenschlag geöffnet
hätte, um dessen Inhalt näher in Augenschein zu nehmen. Diese Unbedachtheit,
die auch für den Urheber nachträglich nicht ohne Konsequenzen blieb, führte
dazu, dass ein stattlicher Täuberich flugs aus dem Verschlag entkam und, obgleich
ohne jedes Anzeichen von Aggressivität empor flatternd, ganz so, als sei er
sich seines Friedenssymbolstatus wohl bewusst, bei den Hochzeitsgästen ein
Mienenspiel von leisen Bedenken bis zu tiefer Besorgnis in Gang setzte.
Immerhin, sollte der Vogel in all der Aufregung etwas fallen lassen, traf es
mit ein wenig Glück eines der weißfarbenen, dekorativ arrangierten
Rosenbouquets. Darauf – und das gereichte Traudel, die seit jeher ein sicheres
Auge für Farbkombinationen hatte, zum ein wenig abwegigen Trost – fiele
Taubendreck nicht weiter auf. Der Tauber indessen, den Opferstock gänzlich
verschmähend, flog dicht an den Bogenfenstern mit den von der Sonne hell
erleuchteten Glasmalereien vorbei, so dass es für einen Augenblick wahrhaftig
schien, der heilige Franziskus persönlich lasse den im Gegenlicht zum anmutigen
Schattenriss gewandelten Vogel zu Ehren der Hochzeitsgesellschaft aufsteigen.
Traudels Bruder, einem
ungemein agilen Mann, gelang es schließlich, den Entflohenen einzufangen,
allerdings erst, nachdem er im Jagdeifer – den Blick unentwegt nach oben zum
unverdrossen vor ihm herflatternden Verfolgten gerichtet – über eine in der Tat
ein wenig abenteuerlich platzierte Kniebank gestolpert war und sich dabei eine
ironischerweise annähernd taubeneigroße Beule am Schienbein eingehandelt hatte.
„Da haben wir den Ausreißer!“, meinte er zu guter Letzt, und wer ihn dabei
ansah, war sich nicht sicher, ob sein Gesichtsausdruck den pochenden Schmerz
unterm Knie oder blanken Hass auf den Tauber in seinen Händen widerspiegelte.
Sicherheitshalber nahm ihm jener Gast, der sich zu Hause zwar keine
Brieftauben, aber immerhin Sittiche hielt, den Vogel ab und behielt ihn dann in
seinen Händen, zumal man sich kurzerhand darauf einigte, den Auflass ein wenig
vorzuziehen.
Jener Täuberich, der
zuvor noch keck das Kapelleninnere inspiziert hatte, war denn auch erneut der
erste, der sich emporschwang und dabei elegant den erhaben ungerührten,
allerdings auch rostanfälligen Wetterhahn umflog. Ihm folgten die anderen
Tauben hoch ins nahezu wolkenlose Blau, und während die Hochzeitsgesellschaft
erst applaudierte und danach, hierbei verstummend, den entschwindenden Vögeln
mit der Hand über den Augen nachsah, nahm der Tauber, die andern im Gefolge,
Kurs auf seinen Heimatschlag. Die im Vergleich zu seinen graublauen Artgenossen
verminderte Orientierungsfähigkeit machte der Umstand, dass im angepeilten
Schlag eine Täubin seiner harrte, mehr als wett.
Die Partnerschaft
zwischen jenem Tauber und seiner Täubin hielt sich in der Tat bis an dessen
Lebensende im beachtlichen Alter von 13 Jahren. Und es war ihm auch in keinster
Weise anzulasten, dass die Ehe zwischen Traudel und Friedebert bereits Jahre
zuvor in die Brüche gegangen war.
Christian
Aeberhard lebt in Brugg in der Schweiz.
Denn wenn
seine Tauben ...
Er geht wieder zum
Friedhof. Ich sehe wieder aus dem Fenster.
Er ist ein netter Kerl.
Seine Frau starb an einem Tumor; seine drei Kinder, zwei prächtige Burschen und
ein entzückendes Mädchen, kamen bei einem Autounfall ums Leben. Er blieb
zurück. Ich wüsste nicht, was ich an seiner Stelle täte.
Ich bewundere ihn.
Früher lagen wir einmal im Streit, als wir im Taubenverein um die Teilnahme
unserer Vögel an einem Wettkampf stritten. Ich konnte mich durchsetzen; wir
ließen sie starten, doch viele der guten Vögel kamen nicht mehr wieder. Damit
war nicht zu rechnen gewesen.
Er war gegen den Wettkampf
und sollte recht behalten.
Danach aber brach seine
Welt zusammen. Ich habe noch nie einen Mann so weinen gesehen.
Als ich eine Woche nach
der Beerdigung seiner Kinder zu ihm ging, wollte er mir seine Tauben schenken.
Ich lehnte ab und bat ihn, sie zu behalten. „Die Tauben werden dir noch einmal
wichtig werden“, sagte ich, „sie würden ohnehin immer wieder zu dir fliegen. Du
bist ihnen immer treu gewesen. Sie werden dir auch treu sein.“
Heute sind wir uns
gegenseitig dankbar. Ich weiß, er hat alles verloren; aber: er ist nicht
verloren. Denn wenn seine Tauben über die Dächer der Altstadt fliegen, dann ist
es so, als würde der Himmel nicht mehr schweigen. Die Gräber schweigen laut
genug.
Hans-Gerrit Auel
lebt in Schwalmstadt.
Über
rotem Sand
„Flieg, Sandy!“ Eine
zitternde Hand öffnete den Taubenschlag, und ein rötliches Tier flog ohne zu
Zögern heraus.
Die Augenkamera zeigte zerborstene
Leitungen und verbogenes Metall. Aus Rohren strömender Wasserdampf ließ die
Sicht auf wenige Zentimeter sinken. Aber die Taube navigierte sicher nach oben,
auch wenn die unterirdische Basis keine Ähnlichkeit mehr mit dem hatte, was sie
kannte. Nicht die Funken ließen sie die Kabel meiden, sie spürte die zuckende
Energie. Sicher suchte sie sich ihren Weg.
Metallplatten und
geschnittener Stein wichen der natürlichen Magmaglätte des Höhlensystems, in
das die erste Kolonie gebaut war.
Normalerweise musste
sie zur Oberfläche drei Schleusen passieren, aber diese hatte die Explosion
weggerissen. So vermischte sich die sauerstoffreiche, ausströmende Luft der
Kolonie mit der dünnen Marsatmosphäre.
Mit einigen kraftvollen
Schlägen ihrer Schwingen schraubte die Taube sich hoch in den roten Himmel. Was
sie sah, wurde vom Augenimplantat gespeichert. Aber für sie selbst waren die
Augen nicht wichtig.
Hatten sich die ersten
Tauben noch verflogen und waren erschöpft von der Last der Atemgeräte und
verwirrt durch das gegen die Erde blasse Magnetfeld irgendwann als blaugraue
Federbündel vom Himmel gefallen, störte Sandy die schwache Ortung nicht.
Zielstrebig flog sie nach Südwesten.
Es war das erste Mal,
dass am ersten Futterpunkt niemand auf sie wartete. Der auf einem Metallpfosten
befestigte Schlag war leer. Nur einige Futterkrümel fanden sich zwischen herein
gewehtem Sand. Verwirrt hüpfte die Taube umher, pickte das Wenige auf und
wusste nicht, was sie tun sollte.
„Weiter“. Sie verstand
das Wort nicht, aber den Klang. Die Stimme ihrer Trainerin im Ohrimplantat gab
schließlich den Ausschlag.
Fünfzig Kilometer
Strecke waren es bis zum nächsten Futterpunkt.
Es gab keine Raubvögel,
keine sonstigen Feinde auf dieser Welt. Nur Sandstürme stellten eine Gefahr
dar. Aber Sandy konnte die unheilvollen Luftvibrationen schon kilometerweit
spüren und sich einen anderen Weg suchen. Sie wusste, dass Stürme Umwege
bedeuteten. Aber in einer Welt, in der es nichts gab außer Stein und Sand, war
das Erreichen des Ziels wichtiger als ein Geschwindigkeitsrekord.
Sandy und ihre wenigen
Artgenossen hatten bei den meisten Marsbewohnern den Ruf, nur ein komisches,
gefiedertes Hobby einiger gelangweilter Forscher zu sein. Ohne Nutzwert. Ohne
Sinn.
Aus den grauen, blauen
oder weißen Tauben war Sandy als sechzigste Generation hervorgegangen. Mit
breiteren Schwingen, einem rostroten Gefieder, verschließbaren Nasenlöchern und
zusätzlichen Augenlidern für den Fall, dass sie ein Sturm überraschte.
Die Marskanäle waren nur
eine Legende, aber Sandy roch Wasser. Zweihundert Kilometer trennten sie nun
von den Höhlen. Sie war die eisige Marsnacht durchgeflogen, hatte alle Futter-
und Ruhepunkte leer vorgefunden, aber der drängende Durst ließ sie immer nur
kurz ausruhen.
Ein Sturm hatte sie
weit vom Kurs abgetrieben und der lockende Geruch des Wassers brachte sie noch
weiter weg. Es kam kein Befehl mehr über das Implantat, Sandy war auf sich
gestellt. Sie entschied sich für den Umweg.
„Hast du das gesehen?“
Mirko deutete zum Himmel, und sein Kollege hob den Kopf.
„Was denn? Gib lieber
Gas, das Leck muss hier irgendwo sein.“
Das Fahrzeug hüpfte auf
seinen Ballonreifen an der Versorgungsleitung für die neuen Felder entlang.
Wahrscheinlich hatte ein Sandsturm einen Felsbrocken mitgerissen und genau auf
das Rohr geknallt.
„Da war ein Vogel,
Frank. Ich glaube, das war eine Taube.“
„Du bist auch ein
Vogel. Irgendwann hörst du auf, Dinge von der Erde zu sehen. Irgendwie haben
alle Neulinge hier Halluzinationen. Hier draußen gibt es nur Stein, Sand und
diese defekte Leitung.“
Mirko schwieg, er hatte
eine Taube gesehen, er war sich absolut sicher.
Als sie acht Stunden
später zur Delta-Station, der ersten nicht unterirdischen Siedlung des Mars,
zurückkehrten, herrschte dort helle Aufregung.
„Alle freien Techniker
an der Shuttle-Rampe melden“, quakte es aus dem Fahrzeuglautsprecher.
Frank reichte Mirko ein
Atemgerät und öffnete die Fahrzeugkuppel. Sie hasteten um die Gebäude herum,
zur Rampe, auf der Frachtgleiter beladen wurden.
Mirko sprang in einen
Gleiter und blieb wie angewurzelt stehen. Dann ging er zu der Frau, auf deren
Bein eine Taube saß.
Frank stieß Mirko
unsanft. „’tschuldigen Sie, mein Kollege hat wohl noch nie eine Frau gesehen.“
Frank zerrte an Mirkos Arm.
„Das ist die Taube, die
ich am Wasserrohr gesehen habe.“
Die Frau hob den Kopf,
ohne die schützende Hand vom Rücken des schlafenden Tieres zu nehmen. „Das ist
Sandy. Sie hat uns die Botschaft vom Einsturz der Alpha-Kolonie gebracht.“
Mirko achtete nicht
mehr auf Frank. „Es ist eine echte Taube“, sagte er und kam sich dabei
irgendwie dämlich vor.
Das freundliche Lächeln
der Frau im blauen Forscheroverall erstarb nicht, obwohl sich Mirko wie ein
Techniker-Trampel vorkam. „Ja, eine echte Marstaube.“
Das Tier hatte den Kopf
ins Gefieder gesteckt und ruhte sich aus. Nicht wissend, dass es jetzt einen
weiteren Menschen auf dem Mars gab, der helfen würde, ihre Art zu einem
wichtigen Bestandteil des Marslebens zu machen. Schließlich hatte sie bewiesen,
dass Nachrichten auch noch auf eine ganz alte Art überbracht werden konnten.
Wenn die Technik versagte.
Iris Bergmann
lebt in Bad Camberg.
Wo geht’s hin,
Brieftaube?
Wo geht’s hin,
Brieftaube?
Verwirrte Brieftaube –
Was lief schief,
Brieftaube?
Was war los?
Hast Du Dich verflogen?
Wie kommst Du hierher?
Bist Du falsch
abgebogen?
Oder willst Du rauf ans
Meer?
Kein Bock mehr auf die
Arbeit,
Kein Bock mehr auf
Sport,
Für immer in die
Freiheit –
Für immer raus und
immer fort!
Wo geht’s hin,
Brieftaube?
Verwirrte Brieftaube –
Was lief schief,
Brieftaube?
Was war los?
War es Bodennebel?
Erdmagnet außer
Betrieb?
Pfeifst Du auf die
Regel?
Oder hast Du Dich
verliebt?
Nicht immer nur auf
Route,
Immer nur Rekord,
Vielleicht ja auch mal
Urlaub –
Oder auch für immer
fort!
Wo geht’s hin,
Brieftaube?
Verwirrte Brieftaube –
Was lief schief,
Brieftaube?
Was war los?
Sebastian Gräfe
lebt in Berlin.
Die
Heimkehr der Taube
Das Haus stand an der
Stadtbahn. Der Frühling kam, die Erde an den Gleisen war noch grau gefärbt, und
doch: auf den Zweigen der Büsche lag ein zarter grüner Schimmer. Das Fenster
stand offen, und mit ihren Krallen machte die Taube ein sanftes tippelndes
Geräusch auf dem Simsblech: Hin und her, hin und her. Sie flog nicht fort, und
die beiden, die da wohnten, nahmen sie herein. Und von den Schrippen von
gestern bekam sie kleine Bröckchen. Der Hund, auch er lebte da, ließ ein leises
Knurren vernehmen. Es waren seine Häppchen, die er sonst zum Frühstück zu sich
zu nehmen pflegte. Die Taube ließ sich in die Hände nehmen, sie schien
erschöpft, und matt hingen ihre Flügel.
Das Internet gab keine
Auskunft, ob sie krank sei. Und es war ein Sonntag und ein Tierarzt nicht zu
erreichen. Sie kam in den Kellerraum. Seine Holztüren waren morsch, verzogen
und nicht mehr zu schließen. So kam sie herein und heraus. Sie flatterte auf
die Lenkstange eines Fahrrades, das dort immer schon stand und rostete.
So vergingen einige
Tage. Die Taube blieb. Verpflegung und Unterkunft schienen ihr recht. Von ihren
Rundflügen kam sie zurück. Sie war für die beiden wie ein Feriengast, der
manchmal spazieren ging, und auch der Hund bequemte sich zum höflichen Wedeln,
wenn sie sich begegneten: im Kellerraum und draußen auf der Wiese, von den
Büschen umgrenzt.
So lebten sie. Jeder
für sich und doch alle vier zusammen, der Hund, die Taube, die Frau und der
Mann.
„Jetzt geben wir ihr einen
Namen.“
„Dann werden wir ihr
nahe sein.“ Das war sein Einwand.
„Also Lotte heißt sie.“
Um dieses Tier zu
fragen, ob es mit der Namensgebung einverstanden sei, gingen beide in den
Keller. Er nahm sie behutsam hoch und fühlte an einem Bein ein Röhrchen. Die
Nachricht: Eine Telefonnummer, bei der eine Stimme auf eine E-Mail-Adresse
verwies.
Sie beschrieben ihre
Taube als weißschwingig in hellblau mit schwarzen Binden, vermutlich ein
langlatschiger Berliner Tümmler.
Und nannten ihre
Postadresse.
Am Montagmorgen gegen
acht Uhr klopfte es an ihrer Wohnungstür. Die Tür zum Haus habe offen
gestanden. Das täte sie immer, und die Klingel sei nie in Betrieb.
Was er denn wolle, so
früh. Beide waren irgendwie angezogen, Pullover, Socken, Unterwäsche – wegen
der Nachtkühle, im Ofen brannten noch keine Kohlen.
Dieser Mann da, der im
kleinen Flur stand, vom Hund freundlich umschnüffelt, sah etwas derangiert aus:
kein Schlips, aber weißes Hemd und modisches Jackett, höhere Preisklasse, er
wollte sich mit einem Ausweis wichtig tun.
„Also?“
Er sei von einem
Forschungsinstitut für Kommunikationswissenschaften. Max-Planck-Gesellschaft.
Beide erschauderten vor diesem Wortungetüm, gingen in die Küche zurück und
gossen sich einen heißen Kaffee ein. Ob er auch eine Tasse wünsche?
Da saßen sie, der Hund
zu Füßen des Gastes, die Straßenbahnzüge fuhren – wie immer in Abständen –
vorbei, die Sonne kam gerade um die Ecke des Hauses, die ersten Zweige bekamen
erste weiße Blüten, die Taube – „sie heißt Lotte“ – rief mit Gurren. „Sie ist
gerade zurückgekommen von ihrem ersten Spazierflug am Vormittag.“
„Aha.“ Mehr wusste der
Mann ohne Schlips nicht zu sagen.
„Wir hören.“
Sie hätten da ein
Forschungsprogramm, von der Industrie bezahlt – und es folgten Worte über
Worte, schrecklich und schmerzhaft für die Ohren, so grässlich klangen sie, und
immer wieder drang dabei die Buchstabenfolge operative Kommunikation hervor.
Ob er das klare
Sprechen verlernt habe. Sie bäten ihn, es schlicht und einfach auszudrücken. Ob
er dazu einen Schnaps brauche.
Der Mann im weißen Hemd
brauchte noch zwei Schnäpse und noch einen Milchkaffee dazu.
Ach so. „Haben wir das
richtig verstanden: jede Nachricht, die über das Netz geht, ist schnell und
nicht mehr geheim wegen der Elektronik. Wer will, kommt da an alles ran, was da
geschrieben wird.“
Das Netz sei zwar
schnell, aber zugänglich für jeden – so sei es.
Und deshalb müsse Lotte
ran?
„Ja, eben. Wer achtet
schon auf Tauben?“
„Wir.“
„Brieftauben sind zwar
langsam, aber echte Geheimnisträger. Und wir prüfen.“
Beide grinsten. Diese
Sprache der Behörden.
„Wir prüfen, ob sie
verlässlich sind.“
„Und: Ist sie es?“
Wann denn diese Taube –
„Lotte!“ – bei ihnen eingetroffen sei.
Irgendwann in der
letzten Zeit.
„Haben Sie denn keinen
Kalender?“ Und eine Uhr hätten sie auch nicht. Ob er denn Lotte kennenlernen
wolle? „So ein zutrauliches Wesen.“ „Und so hübsch.“
So viel Zeit habe er
nicht. Er komme noch einmal wieder.
„Tun Sie das.“ „Oder
lassen Sie’s.“
Frithjof Hager
lebt in Berlin.
Abschied
von Carrie
Jedes Mal, wenn ich auf
dem Marktplatz meines Wohnortes die gefräßigen, bunt gefiederten Stadttauben
beobachte, denke ich sehnsüchtig an Carrie, die Brieftaube. Sieben kostbare,
erlebnisreiche Tage war sie in meinem Anwesen am Rande der Großstadt mein Gast.
Alles begann an einem
heißen Nachmittag im Mai des vorigen Jahres. Müde schleppte ich mich die
Einfahrt entlang zur Türe meines Hauses, beladen mit Stapeln von gelben
Klausurordnern. Und da lagen bereits diejenigen, die ich mir unter den linken
Arm geklemmt hatte, reihenweise auf dem zum Glück trockenen Erdboden. Mühsam
ging ich in die Knie, um sie wieder einzusammeln – und befand mich da plötzlich
Auge in Auge mit einer wunderschönen, zutraulichen Taube. Mit ihrem schmalen,
kräftigen Körperbau, der hellgrauen Zeichnung des Gefieders mit den zwei
schwarzen Flügelbinden und der weißen Verdickung auf dem Schnabel sah sie so
ganz anders aus als ihre fetten Verwandten in der Stadt.
Vorsichtig richtete ich
mich auf und war sehr verwundert, als sie mir auf dem Fuße folgte, zierlich und
artig einen Fuß vor den anderen setzend. Mit der größten Selbstverständlichkeit
hüpfte sie bis zur Haustür, wartete jedoch auf der letzten Stufe ab. Ich war
verwirrt – wie sollte ich mich verhalten? War das Tierchen verletzt, hatte es
Hunger oder Durst? Ich beschloss, es erst einmal zu bewirten. Zum Glück hatte
ich noch mein altes Biologiebuch im Bücherschrank und überflog schnell das
Kapitel über Tauben. „Tauben sind Körnerfresser...“, das genügte mir, und schon
lagen Weizen- und Dinkelkörner aus meinen Frühstückszutaten in einem
Unterteller, ein Schüsselchen Wasser konnte auch nichts schaden.
Ob sie wohl noch
draußen stand?
In der Tat hatte sie
geduldig gewartet und nahm die angebotene Stärkung gerne in Empfang. Gierig
fraß sie und trank, und es fiel mir schwer, sie während der Mahlzeit nicht zu
streicheln oder zu kraulen. Nach dem Essen hüpfte die Taube elegant die Stufen hinab,
eilte mit schläppelnden Schrittchen die Einfahrt entlang und erhob sich ohne
Hast in die Luft. Trauer überkam mich. Mit einem Schlag lag der langweilige und
anstrengende Korrekturtag vor mir, der verwahrloste Haushalt, die unerledigte
Post, der Ärger mit der Schulbehörde. Alles erschien mir nun doppelt lästig und
trostlos.
Gegen Abend trat ich
noch einmal vor die Haustür, dehnte und streckte mich ein bisschen und ging ein
paar Schritte in der Hofeinfahrt auf und ab. In der Dämmerung nahm ich ein leises
Gurren hoch über mir wahr. Erstaunt hob ich den Blick – und da sah ich die
Taube, die es sich auf dem Dachfirst des Hauses bequem gemacht hatte. Als sie
mich sah, flog sie herab und landete direkt vor mir. Sie legte ihr Köpfchen
schief und schaute mich erwartungsvoll an. Ich lief ins Haus, holte eine
Handvoll Körner und ging in die Hocke. Dieses Mal gelang es mir, die Taube aus
der Hand zu füttern. „Carrie“, flüsterte ich glücklich.
Der Name war mir
spontan eingefallen, weil mich in der letzten Woche Schüler meines
Leistungskurses nach der englischen Bedeutung des Wortes „Brieftaube“ gefragt
hatten. Beschämt musste ich zugeben, dass ich es nicht wusste und erst
nachschlagen musste. „Carrier pigeon“ war der korrekte Begriff, das hatte ich
so schnell nicht mehr vergessen.
Carrie war nun satt,
und nach ein paar tänzelnden Schritten flog sie auf zu ihrem Nachtquartier, dem
Firststein des Hauses.
Ich konnte lange nicht
einschlafen und musste im Morgengrauen den Wunsch unterdrücken, im Nachthemd
nach draußen zu laufen, um zu schauen, ob Carrie noch da war.
Herzklopfend verließ
ich am nächsten Morgen das Haus. In der Einfahrt saß Carrie und wartete auf ihr
Frühstück. Ich brachte es ihr freudestrahlend. „Ich bin heute schon früher da,
Carrie. Pass auf dich auf, denk an die Katzen!“ Als ich losfuhr, saß Carrie
bereits wieder auf dem First.
So ging das einige Tage
lang. Eine grauweiße Schmutzspur sammelte sich auf dem Pflasterboden unter
Carries neuem Heim und bewies, wie wohl sie sich bei mir fühlte. Längst durfte
ich sie streicheln und ihre Halsfedern kraulen, und dabei war mir natürlich
nicht entgangen, dass Carries linken Fuß eine Metallklammer zierte. Wohl oder
übel musste ich die Telefonnummer darauf zur Kenntnis nehmen und schob den
Anruf beim Besitzer Tag für Tag auf.
Endlich rang ich mich
durch und tätigte während einer Arbeitspause das verhasste Gespräch. Der
Züchter aus dem Rheinland war wirklich dankbar, notierte meine Adresse und
meine Telefonnummer und erbot sich, die Taube abzuholen.
Aber bereits zwei
Stunden später – Carrie hatte mich nicht wie sonst begrüßt, indem sie ihren
luftigen Sitz verließ und sich bettelnd vor mir niederließ – erhielt ich einen
Anruf von weither. Carrie war wieder angelangt in ihrem eigentlichen Zuhause.
Ich bemerkte, dass sich
in meine Enttäuschung auch Dankbarkeit mischte. Die Welt war heller und
strahlender geworden in dieser vergangenen Woche. Die Probleme des Alltags
gewannen eine neue Dimension, erschienen machbar, ließen Abstand zu.
Aber noch immer geht
mein erster Blick, wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme, hinauf zum First
meines Daches. Uneingestanden warte ich darauf, dass Carrie bei einem ihrer
Kurierflüge wieder bei mir Halt macht und unsere Freundschaft wieder aufleben
lässt.
Regina
Holzkämper lebt in Neckarbischofsheim.
Voll
daneben
Das Foto verriet alles.
Nicos Blick, der sich durch die Kamera zu bohren schien, glich einem Hilferuf.
Ich hatte ihn damals so postiert. Das Gewehr über die Schulter gehängt. Die
Flügel der Taube so ausgebreitet und in seine Finger geklemmt, dass ihre Größe
ja seiner ebenbürtig schien. Was hatte mich bloß dazu getrieben? Alles von
damals ist mir noch glasklar im Sinn. Leider!
Geborgen in der
Annahme, alle schliefen noch, leerte ich am Walnussbäumchen meine Morgenblase.
Beim Abschütteln der letzten Tropfen war mir, als beobachte mich jemand. Es war
so. Eine fette, grau-bläuliche Taube, die auf dem Dachfirst thronte, starrte
mich an. Ich streckte meinen Arm mit flacher Hand in ihre Richtung und
imitierte einen Schuss. „Peng!“, zischte ich. Sie ließ sich nicht beeindrucken.
„Na warte!“, drohte ich und rannte ins Haus. Das war die Gelegenheit. „Nico, wo
ist die Knicker?“, rief ich in das noch abgedunkelte Zimmer meines Sohnes. Er
rieb sich die Augen und schaute, als wüsste er nicht, ob er wach sei oder
träume. Ich half: „Komm! Auf dem Dach sitzt ein fetter Braten, der von dir
erledigt werden möchte.“ Zwei Tage war das Luftgewehr alt. Ein Ferien-Geschenk.
Bis dahin schossen wir nur auf eine Pappscheibe am Schuppen, weil sich partout
kein lebendiges Ziel zeigen wollte. Nico stand auf, entnahm seinem
Kleiderschrank die Knicker und folgte brav. Beim Hinaustreten spannte ich das
Gewehr und legte meinen Zeigefinger auf die Lippen. „Psst.“ Wir hatten Glück,
die Taube saß unverändert am gleichen Fleck. „Kimme-Korn. Ruhig atmen. Langsam
bis zum Anschlag ziehen und dann, wenn du sicher bist, Schuss!“, flüsterte ich
und korrigierte leicht seine Fuß- sowie Armhaltung. Gesagt, getan. Es knallte,
und das Diabolo-Geschoss tänzelte zwei Meter vor der Taube über den
Biberschwänzen. Was war mit ihr? Sie zuckte nicht einmal. „Gut so! Noch
einmal!“, sagte ich und lud neu. Bestimmt musste die Entfernungseinstellung neu
justiert werden, aber ich traute weder meinem Fachwissen noch meiner Geduld und
sagte stattdessen: „Ziele jetzt etwas über die Taube!“ Nico mit seinen neun
Jahren zielte folgsam ein zweites Mal. Ich murmelte tonlos: „Bitte lieber Gott,
gönne meinem Sohn einen Treffer!“ Jetzt klirrte die Kugel kurz vor ihren Füßen.
Mir war, als löste sich auch eine Daunenfeder, und ich sah die Taube schon in
die Lüfte steigen. Nichts von alledem. Schlimmer, sie schaute, als fände sie
uns bemitleidenswert. „Treffer. Gut geschossen! Jetzt noch ein winziges Stück
höher, und du hast sie“, sagte ich betont ruhig. Aber was war mit der Taube
los? Verkohlte sie uns – war sie krank? Egal, Hauptsache er, mein lieber Sohn,
bekam sein Erfolgserlebnis, sein Ferienerlebnis. „Peng.” Die Taube plumpste
beim dritten Schuss tatsächlich vom Dach. Wie ein Mehlsack. Direkt zu Nicos
Füßen. „Klasse, ein Meisterschuss!“, lobte ich. Er lugte ängstlich zu der toten
Taube. Ich war mir natürlich sicher, dass er glücklich war. „Ruth! Komm bitte
und bring den Fotoapparat mit!“, rief ich nach meiner Frau. Mehr als vorsichtig
kickte ich mit der Fußspitze gegen die Beute. Zweifelsfrei, sie war tot. Trotz
allen Widerwillens bückte ich mich nach der Taube. Was blieb mir auch übrig, ich
war der Vater. Zu meinem Schrecken entdeckte ich dabei an jedem Bein der Taube
jeweils einen Ring. „Mist!“, fluchte ich, ohne mir etwas anmerken zu lassen,
und hoffte, kein anderer würde die Ringe zur Kenntnis nehmen und Fragen
stellen. Zum Glück zeigte Nico kein weiteres Interesse an der Taube. Ich fragte
mich nicht, warum. Selbst Ruth entging das Korpus-Delikti. Sie hatte nur Augen
für ihren Sohn. Nach der historisch wichtigen Aufnahme hatte ich nichts
Eiligeres zu tun, als die Taube neben unserem verstorbenen Meerschweinchen
Stella zu bestatten. Weder Nico noch Ruth hegten Einwände oder bestanden auf
ein Taubenmahl.
Nico, jetzt selbst
Familienvater, betrat mein Zimmer, um mich zum Essen zu bitten. „Was hast du
da?“, wollte er wissen. Ich faltete das Foto, schob es auf den Grund der Lade
und sagte: „Ach nichts. Ich dachte, ich stelle alte Fotos zusammen, die wir uns
zusammen anschauen könnten.“ „Muss das sein?“ Durchaus nicht, dachte ich und
verneinte.
Lothar Kowalke
lebt in Berlin und in Uchtenhagen.
Das
Rennpferd der kleinen Frau
Silberfeder wohnte bei
einer kleinen Frau. Wenn die kleine Frau Besuch bekam, sagte sie oft stolz: „Seht
nur, das ist Silberfeder, meine Brieftaube.“ Aber sie wusste selbst, dass es
nicht stimmte. Einen Hund kann man besitzen, vielleicht auch eine Katze, aber
keine Taube und schon gar keine Silberfeder. Natürlich konnte sie zutraulich,
manchmal sogar zärtlich sein, aber in ihrem Innersten zog es sie doch immer
wieder hinaus an den blauen Himmel am Tage oder zu den Sternen in der Nacht.
Weil die kleine Frau das wusste, sperrte sie Silberfeder nie ein, denn sie
wollte die Taube nicht kränken oder gar verärgern. Schließlich wusste
Silberfeder doch, wo sie hingehörte und kam immer wieder zurück. Man könnte
sagen, die kleine Frau und die Taube lebten wie Freunde unter einem Dach. Oben
Silberfeder und unten die kleine Frau.
Eines Abends sprach die
kleine Frau zu Silberfeder: „Meine Schöne, wenn ich nur ein einziges Mal mit
dir in den Himmel fliegen könnte, die Wälder, Wiesen und Seen von oben sehen,
das würde mich sehr glücklich machen.“ Die Taube gurrte, wie es ihre Art war,
schaute die kleine Frau etwas mitleidig an, denn sie hatte sich schon oft
gefragt, wie es die Menschen nur aushalten konnten, Tag für Tag auf ihren Füßen
zu stehen und die Welt niemals von oben zu sehen. Natürlich wusste die kleine
Frau, wie die Welt von oben aussah, denn sie hatte Fernsehen, war schon einmal
mit dem Flugzeug nach Mallorca geflogen und hatte einen Bildband über den Weg
der Zugvögel zum Geburtstag bekommen. Aber sie wusste nicht, wie sich der Wind
in den Haaren anfühlte, weit oben am Himmel, das Gefühl von Freiheit, wenn die Fesseln
der Schwerkraft für einen Moment an Bedeutung verlieren, die Kälte der
Mondscheinnacht auf der Haut brennt, nichts um sie herum als nur Luft.
Silberfeder bedauerte die kleine Frau. Und da beschloss sie, etwas zu tun, das
nur ganz wenige Brieftauben je getan haben. Silberfeder blinzelte der Frau drei
Mal zu, flog auf ihren Kopf und schiss ihr ordentlich auf das Haar. Noch bevor
sich die kleine Frau beschweren konnte, begann sie sich zu drehen, immer
schneller und schneller, schrumpfte und schrumpfte, und mit einem kleinen
‚Pling’ saß sie plötzlich winzig wie eine Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur in
ihrem riesigen Sessel. Die Taube kam ihr hingegen ungeheuer groß vor und sie
fürchtete sich ein wenig.
Aber Silberfeder
stupste sie sanft an, gurrte noch einmal aufmunternd und streckte ihr Bein aus.
Die kleine Frau schlüpfte in den Behälter hinein, so dass nur noch ihr winziger
Kopf oben heraus guckte. Silberfeder breitete die Flügel aus, und ab ging es
zum Fenster hinaus. Der kleinen Frau wurde ganz übel und sie bekam
fürchterliche Angst. Gerne hätte sie um Hilfe gerufen, aber ihre Stimme war so
leise und piepsig, dass niemand sie gehört hätte. Die Abendsonne glühte rot am
Himmel und Silberfeder stieg höher und höher. Mit zarten Flügelschlägen, um die
kleine Frau nicht unnötig zu erschrecken, glitt sie durch die kühle Luft. Die
kleine Frau wagte kaum zu blinzeln, als sie ihr eigenes Haus von oben sah. Es
wurde immer kleiner und kleiner, bis sie es kaum mehr erkennen konnte.
Aber da war ja auch der
große Wald! Die dunklen Fichten wiegten sanft im Wind. Ein bisschen
gespenstisch vielleicht, dachte die kleine Frau, aber es gefiel ihr ganz gut.
Und als sie schließlich über die Stadt segelten und sie den Kirchturm von oben
sah, musste die kleine Frau lachen. Sie lachte über die winzigen Autos und
Häuser, die stecknadelgroßen Bäume und darüber, dass sie so ein großes Glück
hatte, eine Freundin wie Silberfeder zu haben. Die Stadt war in warme Orange-
und Rottöne gekleidet, die Berge am Horizont glänzten majestätisch, und
plötzlich wurde der kleinen Frau ganz leicht ums Herz. Ihre Sorgen wurden vom
Wind davongetragen, die kleinen Ärgernisse des Alltags, die Zweifel am eigenen
Können und die Angst davor, alleine zu sein und alt zu werden. Die Weite des
Himmels war nun auch ihr Zuhause, das sie aufnahm und trug. Schließlich wurde
es ganz und gar dunkel. Die ersten Sterne leuchteten am Himmel, der Mond
schaute blass hinter einer Wolke hervor. Silberfeder aber kannte ihren Weg
trotz der Dunkelheit genau. Sie trug die kleine Frau sicher wieder nach Hause,
durch das Fenster bis in ihr Bett, und die kleine Frau schlief augenblicklich
ein, so erschöpft war sie von ihrem abendlichen Ausflug.
In dieser Nacht träumte
die kleine Frau von Silberfeder, vom Mond und den Sternen, und zum ersten Mal
seit vielen Jahren wachte sie in den frühen Morgenstunden vollkommen ausgeruht
und glücklich auf. Sie lag in ihrem warmen Bett, nun wieder in voller Größe von
einem Meter vierundfünfzig, und lauschte auf das leise Gurren im Dachstuhl.
„War das ein schöner Traum“, sagte die kleine Frau zu sich selbst und gähnte
ausgiebig, „ich wünschte, ich könnte fliegen.“ Und so schloss sie nochmals die
Augen, drehte sich um und träumte noch ein bisschen weiter. Nur über den
Kackfleck auf ihrem Haar hat sie sich später etwas geärgert.
Also nimm dich in Acht,
wenn dir eine Brieftaube dreimal zublinzelt, sich auf deinen Kopf setzt und
einen ordentlichen Klacks hinterlässt. Denn dann hast du vielleicht die
Möglichkeit, die Welt mit ganz anderen Augen zu sehen.
Meike
Krebs-Fehrmann lebt in Wiesbaden.
Tauben...
„Tauben... Tauben!
Tauben auf meinem Beet! Aarrrgh...!!“ Wutentbrannt streiche ich meinen Pony hinters
Ohr und renne zur Hintertür hinaus. Hinter mir fällt der zu waschende Teller
mit einem klirrenden Geräusch unsanft ins Waschbecken (hoffentlich geht nichts
kaputt!), doch ich habe nur Augen für mein wundervolles Frühlingsbeet. Mein
Frühlingsbeet, auf dem nun zum wiederholten Male zwei fette, hellgraue Tauben
sitzen. Darf mickriges Geflügel das überhaupt? Solche Maße annehmen?! Ach ja...
Stimmt, es sind diese Monster vom alten Ertels! Brieftauben... Oder wie auch
immer er sie nennt. Seit Jahrhunderten wichtige Freunde und Helfer des
Menschen. Pah! Dass ich nicht lache! Dumme Gefieder-Viecher sind das, nichts
weiter! Wenn auch nur eines dieser Biester jemals –
„Kann ich Ihnen
helfen?“
„Herr Ertels... Oh,
ähh... ja, also... Was tun Sie denn hier?“
„Nun, eigentlich würde
ich gern meine Täubchen von Ihrem Grundstück holen. Ich denke, dies geschieht
in Ihrem Interesse.“ Ohne meine Antwort abzuwarten, schlürft er in seinem
typischen Alter-Mann-Gang über meine Wiese. Die zarten Knospen, sich vorsichtig
zur Sonne neigend, die winzigen Blütlein und die hauchdünnen, gerade vom warmen
Wind erwachten Gräserchen..., alles das entschlüpft zur Seite, versucht, den
Schritten des Alten zu entkommen. ‚Ach du heiliges Makrelchen!’, fährt es mir
durch den Kopf, und ich balanciere hinter Ertels her, tapfer darum bemüht, den
Schaden auf ein Minimum zu begrenzen. „Aar... Das war der Wiesen-Bocksbart! Und
– O nein! Meine Lichtnelken! Sagen Sie, Herr Ertels, macht das Ihnen Spaß, mein
Lebenswerk zu ruinieren!?“ Diese Antwort bleibt er mir vorerst schuldig.
Stattdessen hockt er sich mitten in meinen Garten und beginnt mit zuckersüßer
Stimme zu rufen: „Reesa... Reesa? Kommst du her? Hierher. Caruso?“ Sein sonst
so mächtiges Stimmorgan klingt ganz sanft. Augenblicklich strecken sich zwei
Köpfe aus meinem Beet hervor. Ohne Zögern machen sich beide Tauben auf zum
alten Ertels. Der steckt sie in einen mitgebrachten Käfig, den ich zuvor nicht
bemerkt hatte, und dreht sich um. „Ich bedauere es, Sie gestört zu haben, Frau
Böhmer.“ Es klingt aufrichtig, der zarte Ton ist gänzlich verschwunden.
„Ich...“ Ich zögere,
überlege, suche nach einer Antwort. Ich entscheide mich für die Wahrheit. „Ich
hätte nicht gedacht, dass Ihre Tauben sich so leicht einfangen lassen. Da muss
ich passen. Wenn ich sie verjagt habe, kamen sie immer einige Minuten später
zurück.“ Ein leichtes Lächeln umspielt Ertels Augen. „Darin liegt Ihr Fehler.
Machen Sie’s mit Liebe, alles gelingt.“ Er winkt mit der freien Hand und lässt
mich verwirrt zurück. „Herr Ertels?? Ähm... Würden Sie mir vielleicht etwas
näher erklären, wie das mit den Tauben funktioniert? Vielleicht morgen, bei
einer Tasse Kaffee, bei mir?“ – Oh, gerne, aber ich trinke nur Tee. Und wenn
wir uns treffen, um über Tauben zu reden, dann doch bitte bei mir.“ Er grinst
ironisch. „Woher der Sinneswandel? Mir schien es, als könnten Sie meine
Briefies nicht besonders leiden.“ „Ich muss heute wohl einen schlechten Tag
erwischt haben!“, gestehe ich in meiner üblichen, allzu direkt ehrlichen Art.
Mein Nachbar kehrt mir den Rücken zu, wortlos. „Oder einen besonders guten!!“,
rufe ich ihm hinterher. Keine Antwort.
Exakt vierundzwanzig
Stunden später klingelt es an einer Tür. An seiner. So lasse ich mich nicht
abspeisen, außerdem haben die Tauben mein Interesse tatsächlich geweckt. Ich
höre den dumpfen Ton der Klingel und einen Schwall Vogelgezwitscher. Eine
menschliche Antwort allerdings nicht. Ich kann warten. Nach dem dritten
Klingeln beginne ich, vorsichtig nach oben zu spähen. Ob er mich von einem der
zugehängten Fenster beobachtet? Zuzutrauen wäre es dem Mann ja. Tattriger,
alter Greis. „Ich weiß, dass Sie da sind!“, rufe ich laut über das Tor. Einige
Sekunden später schäme ich mich – wenn das ein Nachbar gehört hat!? „Meinen Sie
mich?“ Das breite Grinsen ist hörbar, ich muss mich nicht umdrehen, um zu
wissen, wer dort steht. „Tut mir leid, wenn Ihr Klingeln nicht beantwortet
wurde. Sie müssen wissen, ich war einkaufen...“ Alles Geld, das ich habe, würde
ich in diesem Moment darauf verwetten, dass er es so geplant hatte, vielleicht
sogar hinter einem Haus oder einer Hecke auf mich gewartet hatte. Nur nichts
anmerken lassen... „Ich hoffe, Sie haben unsere Verabredung nicht vergessen?“,
frage ich mit dem charmantesten Lächeln, und er spielt mit. „Selbstverständlich
nicht, gnädige Frau!“ ...
„Nein, nein, geboren
bin ich nicht in Belgien, aber die meisten und vor allem schönsten Erinnerungen
liegen dort. Wissen Sie, ich komme eigentlich aus Deutschland, genau genommen
aus Kassel. Mein Vater war ein begeisterter und erfolgreicher Reiter, und er
besaß einige Brieftauben. Nicht viele, genug, um sie mit den Pferden
mitzuführen und dann an einem Ort loszulassen und zuzusehen, wie sie gen Himmel
nach Hause flogen. Mein Vater liebte das, und so deprimierte ihn das
‚Brieftauben-Gesetz’ von 1938. Deprimiert ist untertrieben, es zerrüttete ihn
innerlich! Als bekannt wurde, dass Juden überhaupt keine Tauben mehr halten
dürfen, brachte es meinen Vater fast um!!“
„Sie sind jüdisch?“
„Nein! Zumindest sehe
ich mich nicht als Jude. Der Vater meiner toten Mutter war jüdisch, das
reichte, um uns allen unsere Existenz zu nehmen...“
„Wie schrecklich...“
„Anfangs wussten wir
das nicht einmal! Meine Mutter war gestorben, als ich wenige Wochen alt war,
und sie und mein Vater hatten sich bis zur Hochzeit am Tag vor meiner Geburt
erst wenige Male gesehen. Mein Vater kam über den plötzlichen Tod meiner Mutter
nie hinweg...“
Ich schlucke. Mir fällt
keine Antwort ein.
„Schließlich wanderten wir
nach Belgien aus.“ Herr Ertels Stimme klingt aufgeräumt, und ich weiß, dass es
zu spät ist, um noch etwas über seine Eltern zu sagen. „Sie wissen bestimmt,
dass Belgien von den Deutschen überrannt wurde. Dennoch blieben wir neutral.
Meine Familie musste teilweise versteckt leben und durfte sich nicht zu sehr
öffentlich zeigen. Aber es ging, und wir überlebten. Nach dem Krieg wohnten wir
noch bis 1949 in einem Dorf an der Atlantikküste.“
„Nur bis 1949? Wohin
gingen Sie danach?“
„Na, zurück nach
Deutschland!“
„Bitte?!“ Mir fällt die
Kinnlade herunter. „Sie kehrten zurück nach Deutschland, nach allem, was Ihnen
hier passiert war?“
„O ja! Verstehen Sie,
etwas soo unglaublich Bestialisches wie so vielen anderen war uns nicht
passiert, und mein Vater träumte davon, wieder Fuß zu fassen in seinem Sport. –
Nein, es gelang ihm nicht...“, beantwortete er meine ungestellte Frage. „Wir
kauften ein kleines Haus in Kassel und mein Vater arbeitete in einer großen
Holzfabrik. Er vermisste sein früheres Leben hier, und eines Tages, ich kam
gerade von meinem ersten Arbeitsplatz, saßen zwei Brieftauben in einer Voliere
hinter unserem Haus. Ich gebe zu, anfangs behagten mir diese Geschöpfe nicht.“
Er lacht. „Wahrscheinlich habe ich ähnlich wie Sie gehandelt und die Tiere terrorisiert,
wo es nur ging!!“
Empört schnappe ich
nach Luft! Die wenig freundliche Antwort bleibt mir jedoch im Hals stecken, der
Mann hat Recht. Er lächelt über meine Miene, und nach ein paar Sekunden stimme
ich ein.
„Als mein Vater 1967
starb, kam das überraschend. Ich brachte es nicht übers Herz, den Lebensinhalt
meines Vaters zu verkaufen, zumal er sich zu dieser Zeit schon viel aufgebaut
hatte und Züchter aus ganz Deutschland, ich möchte fast sagen, aus ganz Europa,
um seinen Rat baten.“
„Also führten Sie die
Zucht fort...“, sage ich.
„Ja, das tat ich.
Wollen Sie einige Tiere sehen?“
„Natürlich, bitte!“
Er führt mich zu
einigen Volieren und erklärt allerlei, über Witwer, die von ihren Weibchen
getrennt werden müssen, das richtige Füttern, Sämereien und Erdnüsse,
Futterrinnen, Freiflug und über die ewige Diskussion über Einheitsnahrung und
Krankheiten und die Kalk- und Magnesiumversorgung der Vögel. Ich verstehe nicht
viel, trotzdem interessiert es mich, und ich höre gespannt zu.
Eine seiner Tauben hat
es mir besonders angetan. Zaba. Eine wunderschöne, dunkelgraue Taube aus
Belgien. Sie ist sehr zahm und laut Herrn Ertels kaum noch zu etwas zu
gebrauchen. „Sie ist mein Haustier, ich halte sie nur zum Spaß“, sagt er. In
diesem Moment verstehe ich, was er mit Tauben als Haustiere meint, denn der
warme, weiche Körper fühlt sich wunderbar an, und der Blick aus diesen fast
schwarzen Augen fesselt.
„Mh...“ Der Ertels
lächelt. „Jetzt sind es fast 50 Jahre, dass die ersten beiden Tauben hier
einzogen.“
„Die Geschichte ist
sehr schön!! – Oh, entschuldigen Sie, ich meine...“
„Doch, sagen Sie es
nur! Die Geschichte ist gut ausgegangen.“
„Sie ist noch nicht zu
Ende...“ Jetzt lächele ich und beobachte, wie Reesa und Caruso majestätisch in
meinem Beet landen und es mich komischerweise mit Stolz erfüllt, dass sie
offenbar auf meinem Frühlingsbeet die richtigen Sämereien finden.
„Och, jetzt hätte ich
Ihren Tee beinahe vergessen!“, fällt dem Alten ein.
„Deinen...“, sage ich
lächelnd. „Bitte nennen Sie mich Marina...“
Wir beide wenden uns
zur Tür, während drei weitere Brieftauben Kurs auf meinen Garten nehmen...
Katharina
Kretschmer ist 16 Jahre alt und lebt in Erfurt-Kerspleben.
Himmlischer Brieftaubentanz
Sehe ich euch
himmelwärts
ach, wie schlägt mir dann
das Herz.
Wie ihr durch die Lüfte
jagt:
würdevoll und
unverzagt!
Höre ich den
Flügelschlag
jedes Mal am
Freiflugtag,
ist’s Musik in meinem Ohr.
Allerschönster
Taubenchor.
Fröhlich fliegt ihr hin
und her,
und ich freue mich so
sehr,
euch nur dabei zuzuseh’n.
Dieser Anblick ist zu
schön.
Rechts und links und
„up and down“
diesem Kunststück zuzuschau’n
bringt das Züchterblut in
Fahrt.
Euer Ziel ist euer
Start.
Brieftauben in wildem
Tanz
bringen selbst dem Himmel
Glanz.
Dieser Flug am
Himmelszelt
ist für mich die ganze
Welt.
Seid bald schneller als
der Wind;
lieb’ euch wie mein
eignes Kind.
Freu’ mich, wenn ihr
unversehrt
stets zurück nach Hause
kehrt.
Tanzet, flieget, fühlt
euch frei!
Seid mit ganzem Herz
dabei.
Und ich sag’ mit Stolz
fürwahr:
Ich lieb’ meine
Taubenschar!
Meine Tauben geben
Kraft,
wenn das Leben mich mal
schafft.
Sie sind ehrlich, sie
sind treu!
Sie vertrau’n mir, sind
nicht scheu.
Und nur der kann mich versteh’n,
der den Taubenflug
geseh’n.
Ihr seid meines Lebens
Sinn,
ganz egal, wo ich auch
bin.
Bettina Lichtner
lebt in Oldenburg.
Legende
mit Brieftaube
Zur gleichen Zeit, als
der Kapuziner erzählte, wie er mit der Hexe fertiggeworden war – er hatte
festgestellt, dass sie kein Latein konnte, also redete kein Dämon aus ihr
(Dämonen sprechen bekanntlich Latein), sie war nur ein dummes Ding, das Prügel
verdiente – hier trank er einen Schluck Bier und wischte sich den Schaum vom
Bart –, zu der Zeit sah die alte Henrike in der Ecke ihres Hühnerauslaufs eine
weiße Taube sitzen. Ihr Enkel Ansgar hörte sie murmeln: „Komm, heiliger Geist.“
Das Tier ließ sich ruhig aufheben, es war wohl an Menschen gewöhnt. Er stellte
fest, dass es eine Metallkapsel mit einem beschriebenen Zettel darin am Bein
trug. Geschriebenes flößte ihm Respekt ein. Niemand, den er kannte, konnte
lesen, und so beschloss er, die Taube mit der Kapsel zum Bischof zu bringen;
der könnte etwas damit anfangen.
Bischof Dietrich
wartete auf die letzte Brieftaube. Er hatte seine Tauben 60 Meilen weit zu
einem Freund bringen lassen. Die Kosten der Reise lohnten sich. Zum einen konnte
er so die Überlegenheit seiner Züchtung zeigen, zum anderen bewies er den
Vorteil, den die Nachrichtenübermittlung durch Brieftauben gegenüber der durch
Boten hatte. Kürzlich war ein Bote von Dörflern, die ihn für einen Werwolf
hielten, erst mit Steinen beworfen, dann totgeschlagen worden. Der Bischof
fürchtete, die Taube sei zu schwach oder habe die Orientierung verloren. Kraft
und Klugheit ließen sich schwer zusammen mit der weißen Farbe beim selben Tier
züchten. Der Diener versicherte, die Taube werde bestimmt am nächsten Tag
kommen.
Am nächsten Tag ging
Angela, die Hexe, zur Pumpe, um Wasser zu holen. Sie hatte Angst, aber ihr
Vater verlangte, sie solle der Mutter helfen. So schlich sie möglichst
unauffällig um die Ecke zum Pumpenplatz. Mehrere Frauen aus der Nachbarschaft
standen um die Pumpe herum. Eine der Frauen erblickte Angela, zeigte mit dem
Finger auf sie und schrie: „Die Hexe vergiftet unser Wasser!“ Angela ließ den
Eimer fallen und hielt sich mit beiden Händen abwechselnd Ohren und Augen zu.
Die Taube sah und hörte
nichts, denn Ansgar hatte sie in einen Deckelkorb gesperrt. Sie wäre gern ihrem
dunklen Gefängnis entwischt. Kurz vor Paderborn bekam sie ihre Chance. Ein
Schäfer stellte sich Ansgar in den Weg und bedrohte ihn: „Du Werwolf, man
sollte dich totschlagen!“ Ansgar, ein kräftiger junger Mann, setzte den Korb
ab, gab, wie er später berichtete, dem Schäfer eins aufs Maul, dieser fiel über
den Korb, rappelte sich aber wieder auf und floh. Ansgar stellte fest, dass der
Botengang nach Paderborn sich erledigt hatte, denn der umgekippte Korb war
leer. Ansgar zuckte mit den Schultern und machte sich auf den Rückweg.
Auf die Frage, was das
Geschrei auf der Straße zu bedeuten habe, zuckte der Diener nur mit den
Schultern. So ging der Bischof selbst aus und folgte dem Strom der Menschen zum
Markt. Dort war bereits ein Scheiterhaufen errichtet worden. Ein Mädchen von
etwa 13 Jahren wurde herbeigezerrt und auf das Holz geworfen. Sie kauerte sich
zitternd zusammen. Die Menge begann nach Feuer zu schreien, und der Bischof
erwartete, dass jeden Moment jemand das trockene Holz in Brand stecken würde.
Er stand mittlerweile in der vordersten Reihe. Seine Gefühle schwankten
zwischen Ekel vor der Dummheit und Grausamkeit der Leute und Mitleid mit dem Mädchen.
Er tat nichts, denn er fürchtete, die wütende Menge würde ihn trotz seines
Amtes lynchen, falls er der Hexe zu Hilfe käme. Er fühlte sich orientierungslos
wie nie zuvor.
Die Taube hatte die
Orientierung wiedergefunden. Sie kreiste über dem Marktplatz und landete dann
vor dem Holzhaufen. Als das Mädchen unwillkürlich die Hand ausstreckte,
flatterte sie noch einmal hoch, setzte sich zunächst auf diese Hand und flog
dann dem Mädchen auf den Kopf, wo sie ruhig sitzen blieb. Augenblicklich ebbte
das Geschrei ab. Die Zuschauer schwiegen verblüfft. „Der heilige Geist!“,
erklang eine Frauenstimme aus der Menge. Wie die Jungfrau Maria im Glasfenster
der Kirche, der der heilige Geist als Taube erschien, so saß das Mädchen
unbeweglich da. Der Bischof rief geistesgegenwärtig: „Sie ist schuldlos wie
Maria!“, schritt zu ihr und führte sie bei der Hand vom Scheiterhaufen weg –
die Taube hüpfte auf seinen Arm, er nahm ihr die Kapsel ab, entfaltete den
Brief und rief: „Ein Zeichen Gottes! Hier steht: Innocentia salvata! Die
Unschuld wird gerettet!“
Die Taube, von ihrer
Briefkapsel befreit, flog schnurstracks zum Hof des Bischofs in ihren Schlag.
Einen Augenblick herrschte Stille, dann brach allgemeiner Jubel aus. Die Leute
winkten und klatschten und versuchten, dem Mädchen die Hand zu küssen. Der
Schäfer schrie: „Eine Heilige!“ und brach unter Zuckungen zusammen, wobei er
Schaum vor dem Mund bekam, denn ein Stückchen Seife hatte er zu diesem Zweck
immer bei sich, und der Diener zerrte ihn aus dem Weg.
In der Dunkelheit holte
der Vater das völlig verstörte Mädchen ab, dankte dem Bischof und versprach, er
würde Angela noch diese Nacht zu weit entfernt lebenden Verwandten bringen. Der
Bischof befahl dem Diener, ihm Reisegeld zu geben.
Gegen Mitternacht war
Ruhe eingekehrt. Der Bischof setzte sich mit einem Becher Wein in seinen
Lehnstuhl und las noch einmal den Brief, den die Taube in der Kapsel an ihrem
Bein getragen hatte und in dem sein Freund ihm mitteilte, er habe diese letzte
Brieftaube versehentlich etwas verspätet abfliegen lassen.
Irmgard
Manno-Kortz lebt in Cloppenburg.
Arrosto
di Colombe
Man kehrt gerne an Orte,
die man kennt, zurück. Orte mit Erinnerungen. Orte, wo man zum Beispiel die
Kindheit verbrachte. Wo man einen Frosch gefunden – oder wo man gut gegessen
hatte. Ich lese: Vorgerichte, Hauptgerichte, Nachgerichte und Beilagen.
Getränke, Weine. Jedes Kapitel, wenn ich es so nennen kann, ist weiter
unterteilt. Hauptgerichte beispielsweise in Fisch, Rind oder Schwein. Die
Bezeichnung jedes Gerichts allein ist ein Genuss. Auf der Seite Geflügel, die
ich immer überspringe, weil ich denke, dass ich ein Huhn auch selber zubereiten
kann, steht: Pigeon et foie gras en chartreuse au jus de truffe. Pigeons aux figues violettes et raisins blanc.
Arrosto di Colombe. Usw. Dass die Hauptzutat der kulinarischen Köstlichkeiten eine Taube ist,
kann man nicht vermuten. Es braucht Französischkenntnisse. Eine Taube!
Haustaube oder Wildtaube. Hoffentlich nicht eine Stadttaube, die irgendwo in
der Gosse saß. Man sieht’s zwar nicht, wenn sie mit einer feinen goldbraunen
Kruste und einem delikaten Sößchen darüber auf dem Teller liegt. Trotzdem! Taubenbrust mit Fettleber auf zartem
Kohlblatt, umwickelt von einer Tranche Speck. Trüffelsoße mit Madeira und
Butter. Im Ofen gebratene Tauben mit in Weißwein und Armagnac marinierten
weißen Trauben mit wenig Zucker und gebratenen reifen Feigen. Darüber eine Soße
aus Kümmel und Fenchel mit leicht karamelisiertem Zucker. In Kräuterbutter
gebackene Tauben mit Speck und einer Olivensoße. Vielleicht ist es eine
Friedens- oder eine Brieftaube. Alt oder jung. Abgesehen davon, dass die einen
zäher sind als die anderen, spielt es keine Rolle. Auf dem Teller sind alle
Tauben gleich. Was wähle ich? Eine Taube finde ich speziell. Etwas mit Lamm ist
auch gut – Epaule d’agneau braisée et ses garnitures: Eine braungebratene Lammschulter in Rotwein aus dem Ofen, garniert mit
grünen Bohnen, Artischockenherzen und ein Püree von weißen Bohnen. Ich
wähle – Arrosto di Colombe, mit
Petersilie bestreuten Salzkartoffeln und Rosé. Dann warte ich auf die
Taube. Columbiformes – eine Ordnung mit
mehr als 300 Arten. Schizognathe Frucht- oder Samenfresser; Baum- oder
Felsenbewohner; trinken saugend; Schnabelbasis mit Wachshaut; großer
zweiteiliger Kropf, der Drüsensekret zur Ernährung der Jungen produziert:
sogenannte Kropfmilch; keine Afterfeder, kleine Blinddärme. Das hatte ich
einmal gelernt. Ich denke an Turteltäubchen. So hat man uns genannt nach den
ersten Küssen! Oder nicht? Warum reden wir eigentlich von der Friedenstaube?
Die Arche aus der Bibel kommt mir in den Sinn. Noah ließ die Taube fliegen. Sie
kam mit einem Olivenzweig zurück. Der Wasserspiegel senkte sich. Schönes Bild!
Was hat es mit Frieden zu tun? Die Brieftauben sind doch eigentlich die
erstaunlichsten Tauben, denke ich. Der Ober bringt die Vorspeise. In Gedanken
kehre ich zu den Brieftauben zurück. Von denen haben wir es auch gehabt. Ich
erinnere mich schlecht. Es war im Hörsaal im zweiten Stock. Das Gebäude steht
unter Denkmalschutz. Wir hatten es von den Stadttauben. Sicher. Rote und graue
und solche mit oder ohne Streifen. Mit der Serviette wische ich mir den
Schnurrbart ab. Ich erinnere mich. Nach der Taubenvorlesung gingen wir in die
Stadt. Tauben zählen. Wie viele von welchen gibt es in einem Schwarm, oder
irgend so etwas? Ich lege Messer und Gabel in den Teller und freue mich auf die
Taube. Wenn sich die Tür zur Küche öffnet, höre ich ein Brutzeln. Nach dem
Taubenzählen mussten wir Dinge berechnen. Ich fand es interessant. Doch da war
auch etwas mit Brieftauben. Schon die alten Ägypter brauchten sie. Heute redet
man besser von Reisetauben oder so. Man
macht Wettflüge mit ihnen. Sie gewinnen Geld und Trophäen. Der Ober bringt
meine Taube. Sie ist überzogen von einem feinen hellbraunen Krüstchen – leicht
glänzend. Ich rieche Kräuter: Petersilie, Estragon und Thymian. Auch Butter. Da
ist ebenfalls eine angebratene Tranche Speck. Hauchdünn – knusprig. Keine
Sekunde zu lang gebraten. Ein paar Kartoffeln als Beilage, leicht überbuttert, mit frisch geschnittener Petersilie darüber.
Eine Handvoll grüne Bohnen, wie mit dem Metermaß aufgeschichtet daneben. Die
schmelzen auf der Zunge. Die Brieftauben lassen mir keine Ruhe. Wo war ich? Bei
einer Taubenvorlesung! Friedenstauben kamen nie zur Sprache. Was soll’s? Die
Soße für die Taube ist in einem extra Schälchen mit Schnabel. Bräunlich, dick,
mit kleinen Fettaugen an der Oberfläche und durchgekochten Olivenringen darin,
steht der Bratensaft neben dem Teller. Ich schwenke wenig davon über die Taube.
Dann tupfe ich ein kleines Stück Kartoffel mit der Gabel in die Soße. Ich will sie schmecken! Erinnerungen schwärmen wieder aus:
Mein Großvater hatte Brieftauben auf dem Estrich. Vorsichtig konnte ich in die
Nester schauen. Da waren manchmal zwei Junge drin. Brieftauben brachten dem
kleinen Mann einen Zusatzverdienst. Nicht das große Geld! Ich lege die
Serviette neben den Teller. Der Ober räumt ab. Ich bestelle Kaffee. Das Essen
war gut. Ich werde zurückkehren! Sicher! Ich werde mich fragen: Was habe ich doch letztes Mal genommen? Ich
werde vielleicht wieder Taube wählen.
Beat Mundwiller
lebt in Clarinbridge in Irland.
Österreich 1993 – 1996
Gäbe es heute noch
Brieftauben
gingen die Briefbomben
in die Luft
und die Tauben
würden als Friedenssymbol
schnell abgeschafft.
Lydia Neunhäuserer
lebt in Zell an der Pram in Österreich.
Brieftauben
Ich besaß schon
Brieftauben, da konnte ich Briefe noch gar nicht schreiben. Begonnen hatte alles
damit, dass mein Bruder Henning sich sehr plötzlich für den Chorgesang zu
interessieren begann, was ein wöchentliches Training für ihn bedeutete. Nach
nur einer Woche Chorgesang sagte er zu mir: „Ich vererbe sie dir, alle acht!“
Ich verstand nicht, was er meinte. Und dann sagte er noch: „Kümmere dich um die
Brieftauben, Sören.“
Ich kümmerte mich um
sie, und mein Bruder kümmerte sich um die Nachbarstochter, die schon einige
Zeit Chorsängerin war. Oft sah ich nun beide auf dem Weg zur Musikschule die Abkürzung
über das Feld nehmen. Schnell waren sie meinen Augen entschwunden.
Aber ich hatte jetzt
die Tauben. Ich liebte die Tauben und die Tauben liebten mich, so glaubte ich
jedenfalls. Den mühsamen Weg über den Dachboden zum Taubenschlag machte ich
drei Mal in der Woche, die Hosentaschen voll mit Getreidekörnern. Die Tauben
sahen mir entgegen, gurrten verhalten und ließen die Flügel hängen. Dann und
wann blinkten sie mit dem einen oder anderen Auge, so, als würde blitzschnell
die Klappe eines blechernen Brotbehälters auf- und zugeklappt. Ich konnte die
Zeichen nicht deuten.
„Das sind doch
Brieftauben“, sagte mein Bruder, „Briefe brauchen die“, als ich ihm mein Leid
von den flügelmatten Tauben klagte. „Gut“, sagte ich, „dann muss ich jetzt
rasch zu Briefen kommen.“ Und bevor ich noch meinen Bruder daran erinnern
konnte, dass ich noch keine Briefe schreiben könne, hatte er sich schon auf den
Weg gemacht in Richtung Nachbarstochter. Dabei war ihm ein Papier aus der
Tasche gefallen. Ich hob es auf, reckte noch meinen Arm, um ihn rufend auf sein
Eigentum aufmerksam zu machen, da war er schon um die Ecke verschwunden.
Und so kam es dann zum
ersten Auftrag für meine Brieftauben, denn es war ein Briefchen, das meinem
Bruder Henning aus der Tasche gerutscht war. Was für ein Glücksfall.
Am selben Tag noch
rollte ich das Briefchen in ein kleines Behältnis und befestigte es am Fuße der
mattesten Brieftaube. Gab ihr noch einen Schubs, dass sie fliegen sollte, und
endlich war sie verschwunden.
Noch am selben Abend,
nachdem ich zwei Backpfeifen ohne Vorwarnung von meinem Bruder bekam, und ohne
dass ich wusste, wofür ich sie verdient hätte, erfuhr ich, dass die Brieftaube
den Brief direkt vor unserer Haustür abgelegt hatte. „Das war ein kurzer
Postweg, aber gut, sie lernt ja noch“, dachte ich damals. Welche Bewandtnis es
sonst mit den Backpfeifen auf sich hatte, verstand ich nicht ganz. In dem
Briefchen ging es um irgendwelche Verabredungen mit der Chorsängerin, bei denen
wohl nicht gesungen werden sollte. Jedenfalls strichen die Eltern meinem Bruder
den Gesang und er verlangte seine Tauben wieder zurück. Aber ich hatte schon
gelernt, dass man nur Geduld haben muss, um manches zu erreichen. Und so war es
auch diesmal. Es war kaum ein Jahr vergangen, da tauchte wieder eine Nachbarstochter
auf, und diesmal sollten sie gemeinsam tanzen und sich gut benehmen lernen,
einmal die Woche.
Und wieder erbte ich
die Tauben. Es waren nur noch fünf. Aber nun konnte ich auch schon schreiben
und ich begann zu überlegen, was für eine Nachricht ich meinen Brieftauben
anvertrauen konnte und an wen sie gehen sollte. – Ja, das war die Frage, an
wen? Die schmerzlichen Backenstreiche hatten mich schon gelehrt, dass Tauben
nie irren; denn es war der richtige Platz, den die flügelmatte Brieftaube damals
für den Brief meines Bruders gewählt hatte. Jetzt wusste ich Bescheid, sie
fliegen immer nach Hause. Also nahm ich mein Fahrrad und fuhr mit den Tauben im
Korb, so oft ich konnte, weit weg. Manchmal bis zu der Anhöhe, von der unser
Haus nicht einmal mehr zu sehen war. Von dort machten sie sich auf den Weg mit
ihren Nachrichten. Die waren alle an mich gerichtet. Ich brauchte sie nicht
mehr zu lesen. Aber höllisch aufpassen musste ich, dass mein Bruder Henning
keines der Briefchen zu sehen bekam, in denen ich immer von meinen klugen,
meinen schnellen, nimmermüden Brieftauben geschrieben hatte. Aber mein Bruder
bestand darauf, dass es seine Brieftauben wären und ich keine Ahnung von der
Sehnsucht nach Weite dieser Tauben hätte, die schnell wie ein D-Zug seien und
hunderte von Kilometern fliegen könnten. – Das sah für mich nicht gut aus. Ich
fühlte mich, nach der großen Rede meines Bruders, nun selbst flügellahm. Ich
musste irgendeine Entscheidung herbeiführen. – Meine oder seine Tauben? – Da
erinnerte ich mich, dass meine Großmutter bei schwierigen Entscheidungen oft
abwartete und sagte: Vielleicht antwortet Gott.
Da machte ich uns
fertig zur Reise auf die Anhöhe. Nur eine der Tauben bekam ein Briefchen, alle
anderen saßen mit im Korb, das letzte Stück schob ich das Fahrrad.
Meine Hand war zittrig,
als ich den Korb öffnete. An diesem Tag hatten es alle Brieftauben eilig,
aufzusteigen. Besonders eine schraubte sich steil in das tiefe Himmelsblau. Am
späten Abend hörte ich sie dann gurren in ihrem Verschlag. Es klang zufrieden.
Ich war in Gedanken: ob es gut für mich und meine Brieftauben ausgegangen war?
Erst am nächsten Morgen bemerkte ich, dass eine der Tauben fehlte. Es war die
mit der Botschaft. Ich wartete Tage, bald war ein Monat vorbei. Hatte sie eine
Antwort bekommen auf die Frage: Meine oder seine Tauben? Die Zeit verging. –
Fast nicht mehr erwartet, war dann ein Brief für mich da, wieder vor unserer
Tür, diesmal an mich. In großer, schnörkeliger, fremder Handschrift stand
geschrieben: DEINE SIND’S!
Itta Schmah-Andresen
lebt in Berlin.
Die
Ankunft des Briefträgers
In ihrer Badewanne saß
eine Taube und schrubbte sich gerade ihr Federkleid, ein dumpfes Liedchen trällernd,
dessen Echo von den Fliesen des Badezimmers zurückgeworfen wurde. Plötzlich
sprang die Türe auf, und eine andere Taube stürzte aufgewühlt ins Bad herein...
„Der Briefträger ist im
Anmarsch, der Briefträger kommt gerade an!“, kreischte die ins Badezimmer
getaumelte Taube, und die andere Taube sprang sofort aus ihrer Wanne.
„Was? Jetzt schon? Aber
– großartig, dann wird meiner gewinnen!“, jubelte die Taube schockiert, während
sie nassen Taubenfußes zur Badezimmertüre schlitterte. Aber: keine Zeit mehr,
sich jetzt noch abzutrocknen, die Ankunft des Briefträgers musste unverzüglich
und sekündlich eingetragen und gemeldet werden...
Die Taube rannte durch
den Flur und stürzte zur Hintertüre aus dem Haus hinaus, hastete, pudelnass wie
sie war, über den Hof und gelangte zum Stall. Dort nahm sie den Briefträger zu
sich und ließ ihn in den Stall hineingehen. Blitzschnell schaute die Taube auf
die dortige Uhr, nahm dem Briefträger seinen Brief ab, notierte die
Ankunftszeit auf einem Formular und setzte den Briefträger wieder in den Käfig.
Dann meldete die Taube die Ankunftszeit noch dem Schiedsgericht des
Briefträgerverbandes, war überglücklich über ihren Erfolg beim Züchten von
Briefträgern, verließ den Menschenschlag wieder und watschelte zufriedenen Schrittes
ins Haus zurück, wo sie ihr Gefieder endlich abtrocknen konnte...
Stefan Schenkl
lebt in Würzburg.
Durch
Zeit und Raum
„Es ist einfach
sonderbar, Gerrit“, sagte Joana Closey, als sie am Abend aus ihrem Seidenkostüm
schlüpfte.
„Hm?“, murmelte ihr
Mann. Er kämpfte eben mit seinem Sockenhalter, der sich im Hosensaum verfangen
hatte.
„Ich sagte: Es ist
schon sonderbar“, wiederholte Joana. Sie zog das Nachthemd über und schlüpfte
unter die Decke. Von dort beobachtete sie amüsiert Gerrits Laokoon-Kampf.
„Was meinst du damit?“
Gerrit schaute sie fragend an. ‚Da hatten wir heute unsere goldene Hochzeit’,
dachte sie gerührt, ‚50 Jahre seit 1947! Einige Speckpölsterchen hat er mehr
und viele Haare weniger. Aber ich liebe ihn womöglich noch mehr als damals.’
„Nun“, fuhr Joana fort,
„dass dein Heiratsantrag damals nicht ankam, ist doch sonderbar. Ich hielt es
für ein schlechtes Omen, aber es hat sich nicht erfüllt. 50 Jahre! Denk mal!“
„Na ja“, murmelte
Gerrit verlegen, „es war ja auch nicht gerade eine Glanzidee, den Antrag einer
Brieftaube ans Bein zu hängen.“ Er hatte den Kampf gegen den Sockenhalter
endlich gewonnen und kroch neben Joana ins Bett.
„Ach“, Joana lachte,
„aber es war so wunderbar romantisch!“
Gerrit grinste: „Nun,
ich hab’ dich ja trotzdem bekommen. Gott sei Dank.“
„Gerrit?“
„Hm?“
„Wo sie wohl
hingekommen ist?“
„Wer denn, Schatz?“
„Na, die Taube.“
„Oh“, lächelte Gerrit
geheimnisvoll, „sie fliegt sicher noch durch Raum und Zeit und sucht nach dir.
Das würde ich auch, wenn ich dich damals nicht bekommen hätte. Ich habe dich
schon immer gesucht. Alle meine Leben lang.“
„Oh, Gerrit! Das ist
die schönste Liebeserklärung, die du je gemacht hast ... durch Raum und Zeit
... auf was für Ideen du kommst!“
Gerrit schmunzelte und
wandte sich ihr mit dem altvertrauten Glitzern in den Augen zu.
„Au! Was war denn
das?“, rief er verdutzt. Er wischte sich mit den Fingern übers Auge und roch
daran.
„Was ist denn?“, rief
Joana ängstlich.
„Riech mal“, krächzte
Gerrit entgeistert und hielt ihr seine Hand unter die Nase.
„Igitt!“, kreischte
Joana, „Das ist Vogelscheiße! Gerrit, wo kommt die denn her...? Iiiihhhh!“
Joana starrte entsetzt auf einen zweiten Klacks Vogelkot, der zwischen ihr und
Gerrit aufs Kopfkissen klatschte.
Beide saßen wie
erstarrt.
„Was ... was“, Joana
verstummte wieder. Es sträubten sich ihr die Haare, und sie hatte den Impuls,
aus dem Bett zu springen, aber ihre Glieder gehorchten ihr nicht.
Der Laut, mit dem die
Taube gegen das Fenster knallte, klang wie ein Kanonenschuss. Es war nicht der
erste Vogel, der sich das Genick an einem ihrer Fenster gebrochen hatte, aber
der erste, der von innen gegen die Scheibe geflogen war. Gerrit schoss aus dem
Bett und brachte die Taube zurück. Das Köpfchen baumelte lose zwischen seinen
gespreizten Fingern, und Joana starrte auf das wunderschön schillernde
Gefieder.
„Joana“, keuchte er,
„Joana! Das ist sie!! Sie ist unverwechselbar!“
„Wer?“, wisperte sie.
Die Stimme wollte ihr kaum gehorchen.
Gerrit schob das dichte
Gefieder des seltsam pludrigen Geschöpfes beiseite und öffnete die winzige
Kapsel an dem dünnen Vogelbeinchen. Feierlich legte er ein kleines, gerolltes
Papierchen vor Joana auf die Bettdecke.
„Da“, sagte er, als sei
dies das Normalste auf der Welt. Aber seine zitternden Hände verrieten ihn.
Joana öffnete den
Zettel und las halblaut mit bebenden Lippen, während Gerrit abwesend das
Taubengefieder streichelte:
Joana!
Wenn
du willst,
trage ich dich auf meinen Händen
durch
die Ewigkeiten.
Meine
Liebe überdauert
Zeit
und Raum.
Sag
Ja!
Gerrit
„Zeit und Raum“,
flüsterte Joana, „Raum und Zeit. Oh, Gerrit!“ Dann hob sie den Kopf und sagte
laut und deutlich: „Ja!“
In diesem Augenblick
verschwand die Taube mit einem sanften: Plopp!
Im Jahr 1948 fiel einem
Rad fahrenden Postboten eine tote Brieftaube auf den Kopf und verursachte den
ersten Sturz des Mannes vom Rad in zwanzig Dienstjahren.
„Eine Brieftaube“,
staunte er, „was für ein merkwürdiges Zusammentreffen.“ Und der Mann suchte
nach der Kapsel am Bein des Tieres. Aber die Kapsel – war leer.
Rosemai M.
Schmidt lebt in Tübingen.
Eine wahre
Taubengeschichte oder:
Wie die geliebten Tauben
Onkel Willi überleben ließen!
Wir lebten als Kinder in Berlin-Neukölln. Mein
Onkel Willi und seine Frau Martha hatten zwei Söhne, Rudi und Herbert, ungefähr
in unserem Alter, und bei Besuchen spielten wir sehr oft zusammen. Sie wohnten
in einer Mietwohnung in der Neuköllner Silbersteinstraße.
Zum Kaffeetrinken mussten wir unseren Onkel Willi
jedes Mal vom Dachboden des Hauses holen. Der Onkel hatte über den ganzen
Dachboden verteilt seine Käfige und Bauer für seine Tauben. An zwei kleinen
Dachfenstern hatte er Ausflugsluken eingebaut. An den schrägen Wänden hingen
viele Urkunden, und auf einem Regal standen etliche Pokale von
Flugwettbewerben. Seit seiner Kindheit liebte er diesen Sport, die Schönheit
der Tiere, das wunderbare Gefieder, ihre Ausdauer bei den Flugwettbewerben und
die Anspannung, bis seine „Kinder“ wieder zu Hause waren. Um jede verlorene
oder tote Taube trauerte er und war tagelang nicht zu gebrauchen. Immer wieder
suchte er den Himmel ab, ob sie vielleicht doch noch einfliegen würde. Er hatte
ein Fernglas nahe den Luken stehen und griff ständig danach, wenn seine
Lieblinge unterwegs waren.
Kaum war das Kaffeetrinken vorbei, drängt es Onkel
Willi schon wieder zu seinen Tauben.
Dann kam der Zweite Weltkrieg, und Onkel Willi
wurde eingezogen. Von seiner Frau Martha und den Söhnen verabschiedete er sich
recht fröhlich, denn er wollte Deutschland verteidigen. Auf dem Dachboden
fanden wir ihn weinend vor. Von jeder einzelnen Taube verabschiedete er sich,
streichelte die Tiere, die natürlich alle einen Namen hatten, flüsterte ihnen
ein Versprechen ins Ohr, dass er bald wieder käme. Er hatte seitenlange Listen
angefertigt, was seine Frau und seine Söhne während seiner sicherlich kurzen „Abwesenheit“
zu tun hätten.
Der Krieg dauerte, wir hörten im Anfang hin und
wieder von ihm per Postkarten und Briefen: die einzige Sorge galt seinen
Tauben. Er schickte sogar von seinen verschiedenen Einsatzorten besonderes
Futter, das er irgendwo von anderen Taubenzüchterfreunden aufgetrieben hatte.
Von all seinen Tauben hatte er Bilder dabei.
Der Krieg war vorüber, nach und nach kehrten die
Kriegsteilnehmer und Gefangenen nach Hause zurück. Onkel Willi kam nicht. Wir
warteten, und Tante Martha und ihre Söhne versuchten, über das Rote Kreuz
Auskunft zu erhalten. Aber monatelang, ja jahrelang nichts. Die beiden Cousins
und wir versorgten die Tauben, die Truppe der Lüfte wurde immer größer. Immer
wieder fanden wir in den Gelegen Eier, aus denen nach 17 bis 18 Tagen kleine
neue Tauben schlüpften. Immer wieder sagten wir uns, Onkel Willi wird bald
kommen und wir können dann endlich diese Arbeit an ihn abgeben. Aber Onkel kam
nicht.
Dann endlich die erlösende Nachricht des Roten
Kreuzes, er wäre in einem Arbeitslager in Sibirien und man hoffe, dass er
Weihnachten 1948 wieder bei uns wäre. Alle fieberten dem Weihnachtsfest
entgegen, und tatsächlich kam er mit einem Sondertransport nach wochenlanger
Fahrt im Lager Friedland an, und nach einigen Tagen ging es weiter nach Berlin.
Wir mussten lange suchen, bis wir einen Mann
fanden, der unserem Onkel von der Größe her ähnelte. Abgemagert, ohne Haare und
mit einem ausdruckslosen Gesicht stand er hilflos auf dem Bahnhof. Tante Martha
erkannte ihn als erste und umarmte ihn weinend. Er ließ das teilnahmslos über
sich ergehen und begrüßte mit einer schlaffen Umarmung seine beiden groß
gewordenen Söhne. Uns anderen nickte er nur zu.
Wir fuhren in die Silbersteinstraße. Bis dorthin
hatte Onkel Willi noch kein Wort gesprochen. Angekommen, sollte erst einmal ein
Begrüßungskaffee getrunken werden. Aber plötzlich war Onkel Willi verschwunden:
mit müden Schritten war er ins Dachgeschoss gestiegen. Er ging von Käfig zu
Käfig, nahm die eine oder andere Taube lange in der Hand und streichelte und
liebkoste sie. Diese Geste hatte er nicht einmal für seine Söhne.
Wir verabschiedeten uns bald und wollten, dass er
sich erst einmal bei seiner Familie eingewöhnen konnte. Tante Martha hatte nach
der Flucht aus Westpreußen ihre alte Mutter bei sich aufgenommen. Selbst diese
alte Dame ignorierte er oder nahm sie gar nicht wahr.
Einige Tage später besuchte mein Vater Max seine
Schwester Martha und wollte wissen, wie es geht. Weinend berichtete sie, dass
ihr Mann bis heute kein einziges Wort gesprochen habe. Er schlafe völlig
unruhig, stehe nachts auf und gehe auf den Dachboden. Sein Tagesablauf wäre
nicht einzuordnen. Das Mittag- und das Abendessen packe er sich auf ein Tablett
und verschwände bei seinen Tauben.
Tante Martha bestellte einen Arzt ins Haus, der
seine Untersuchung bzw. sein einseitiges Gespräch ebenfalls auf dem Dachboden
führte. Der Arzt berichtete unserer Tante, dass ihr Mann ein schweres Trauma
erlitten habe, und man müsse ihm Zeit lassen.
Die Zeit verrann. Der Sommer 1949 war ins Land
gezogen, und auf dem Dachboden herrschten hohe Temperaturen. Onkel Willi saß
inmitten seiner Tauben. Wir wussten nicht, ob er eventuell mit ihnen sprach.
Dann fand seine Frau ihn an einem schwül-heißen
Sommerabend tot auf dem Boden in einem Stuhl sitzend. Auf dem kleinen Tisch vor
ihm lag ein langer Brief.
Er bedankte sich bei der gesamten Familie, dass sie
ihm das Liebste, was er hatte, so gepflegt hatte. Er habe sich in der
Gefangenschaft im Arbeitslager nur mit dem Gedanken am Leben gehalten, dass er
seinen Tauben versprochen habe, wieder zu ihnen nach Hause zu kommen.
Seinen Tauben gegenüber hatte er Wort gehalten,
aber zu seiner Familie war er nicht zurückgekehrt.
Regina J. Schwenke lebt in Berlin.
Erzählt hat sie hier die wahre Geschichte
ihres Onkels Willi Schön.
Friedenstauben
(mit Kurzmitteilungen
bestücken)
vor Jahren habe ich eine
Stalltür gebaut
ein Schloss aus maroden
Beständen
die engsten Maschen und
Vorrichtungen
mit höchsten
Sicherheitsstufen gefunden
und die Schrauben der
Beschläge überdreht
es war ein Antritt von
allem was wir hatten
wir pflegten unsere
Zuversicht auf Besserung
retteten sie vor
Panthersprüngen verfütterten
Reiskörner und
ernährten uns einseitig
viele nannten es Glück aber
Überleben
war nie unser Ziel und am
Vorabend
habe ich die Futterreste
gegen Waffen getauscht
die Widerstandskräfte
verspielt und den Schlüssel verloren
den ich nun nach den
Jahren brauche
sie sollen fliegen
Tobias Sommer lebt in Bad Segeberg.
Sally
Sally ist Jupps
schönste Brieftaube, seine große Hoffnung. Sie ist noch keine erfahrene
Alttaube, sondern fliegt erst im Herbst. Aber sie fliegt jedes Mal in die
Ränge. Jupp setzt große Hoffnungen auf Sally.
Der letzte Flug des
Jahres steht an. Jupp betrachtet Sally mit Sorge. Er hat sie mit bestem Fettfutter
gefüttert. Trotzdem hat sie nicht genug zugenommen. Ob er sie fliegen lassen
soll? So ein Flug braucht viel Energie. Jupp überlegt. Für ihn sind die Tauben
mehr als nur ein Hobby, ein Familienersatz. Er will seine Lieblingstaube nicht
aufs Spiel setzen. Andererseits ist es die letzte Gelegenheit in diesem Jahr.
Jupp zögert lange, doch als schließlich die Tauben zum Auflass transportiert
werden, ist Sally dabei.
Wer aber nicht
heimfindet, ist Sally. Die anderen Tauben sind schon lange angekommen, holen
sich ihre verdiente Belohnung. Doch wer fehlt, ist Sally.
Vielleicht macht sie
nur irgendwo Rast. Hockt da, trinkt etwas, orientiert sich neu und fliegt dann
weiter. Dann wird sie sicher bald kommen.
Vielleicht aber hat sie
sich verirrt. Oder ein Greifvogel hat sie sich geholt. Oh, wie ist Jupp
beunruhigt!
Dann das schlechte
Gewissen. Hat er nicht noch überlegt, ob er seine Sally, seine schöne,
talentierte Sally, fliegen lassen soll? Wenn Sally nicht heimfindet, ist er
schuld.
Da klingelt das Telefon.
Eine Frauenstimme meldet sich. „Sally ist mein Name“, erklärt sie. „Sally
Klinger.“
Jupp lauscht verwirrt
in den Hörer. Einen Moment meint er, seine Taube zu hören. Doch es ist eine
Frau, mit der er spricht. Sie hat auf dem Balkon eine Brieftaube gefunden. Jupp
bleibt die Luft weg. Wenn es nun seine Sally wäre! In den Händen einer Frau!
Die sich natürlich nicht mit Tauben auskennt – wenn sie auch Sally heißt!
Sally, die Frau,
berichtet, sie habe die Beringung der Taube gesehen, darauf seine Telefonnummer,
die Taube sei ganz erschöpft, sie habe ihr Wasser gegeben, aber sie fliege
einfach nicht weiter, und was sie jetzt tun solle.
Nun war es natürlich
richtig, der Taube Wasser anzubieten. Aber wenn sie nicht weiterfliegt? „Geben
Sie ihr Haferflocken“, schreit Jupp. Dann fällt ihm auf, wie unhöflich er ist.
„Entschuldigen Sie“, knurrt er.
Aber wenn Sally
verletzt ist? Oder entkräftet? „Wo sind Sie?“, fragt Jupp. „Ich komme meine
Sally holen!“
„Ich bitte Sie!“, sagt
die Frau.
Jupp fällt ein, dass
die Frau ja auch Sally heißt. „Die Taube heißt auch Sally“, erklärt er
verwirrt.
Eine Weile herrscht
Schweigen in der Leitung. Dann hört Jupp die Frau lachen. Erleichtert lacht er
mit.
„Aber im Ernst“, meint
er schließlich. „Sally ist meine Lieblingstaube. Ich komme sie holen, wenn es
Ihnen Recht ist.“
„Ja, klar“, sagt die
Frau, die wie die Taube heißt. Und sie nennt ihm ihre Adresse.
Jupp fällt noch etwas
ein. „Moment“, sagt er. „Sie müssen verhindern, dass Sally jetzt doch
losfliegt.“
„Aber wie?“, fragt die
Frau und lacht schon wieder. Fast klingt es wie das Gurren einer Taube.
„Stülpen Sie ihr einen
Wäschekorb über“, rät Jupp
„Ich werde es
versuchen“, verspricht die Frau Sally.
Jupp setzt sich ins
Auto. Er fährt los. Tauben sind seine Leidenschaft. Tauben sind schön und
freundlich. Tauben zeigen einem ihre Zuneigung, wenn auch natürlich nicht so,
wie es ein Mensch tut...
Kurz darauf steht Jupp
vor der Tür, tritt unruhig von einem Bein auf das andere.
Eine Frau öffnet,
reicht ihm die Hand, lacht und sagt: „Hallo, ich bin Sally.“ Und ihr Lachen
klingt fast wie das Gurren von Sally, der Taube.
Nun muss Jupp nach
Sally sehen, nach seiner Sally-Taube. Sie sitzt auf dem Balkon unter einem
Wäschekorb, vor sich einen Teller mit Haferflocken und ein Schälchen Wasser.
Erschöpft ist sie, aber wohlauf.
Und dann sitzen sie am
kleinen Tisch auf dem Balkon, Sally, die Frau, und Jupp, trinken Kaffee und
reden, und Jupp kann den Blick kaum von Sally wenden, wie sie da so sitzt und
lacht wie eine Taube und sich so interessiert für alles, was mit Brieftauben
zusammenhängt. Zwei Stunden später ist Jupp wieder unterwegs, mit der zufrieden
gurrenden Taube Sally im Transportbehälter. Und Jupp summt eine kleine Melodie
und freut sich auf den nächsten Sonntag. Am nächsten Sonntag wird Sally kommen;
nicht Sally, die Taube, nein, sondern die andere Sally, und den Taubenschlag
ansehen.
Die Taube gurrt leise.
„Du bist schon eine“,
lacht Jupp. „Eine ganz Raffinierte.“
Und er lacht und freut
sich auf Sonntag.
Inken Weiand lebt in Bad Münstereifel.
Diese
Geschichte wurde bereits in der WORTSCHAU veröffentlicht und stand – kurz –
auch schon auf unserer Homepage. Da sie mitverantwortlich dafür ist, dass wir
diesen Wettbewerb überhaupt ausgelobt haben, hat sie hier jetzt auch wieder
ihren Platz. Also viel Spaß mit Wolfgang Allingers...
Taubenvatter Jupp
„Jetzt habe ich schon
wieder eine halbe Stunde auf Dich gewartet“, murmelte Jupp mehr zu sich als zu seinem
Superweibchen Klara, „Langsam wirst Du langsam mein Schatz“. Er nahm einen
letzten Schluck aus der Flasche Königs Pilsner, der dritten seit einer halben
Stunde. Seine Stimme begann zu säuseln: „Klara mein Schatz, endlich...!“ Klara,
seine Klara, schwebte aus dem Grau des verregneten Tages dem Anflugbrett zu,
das sich vor dem Einflugloch des Taubenschlags befand. Mit zwei, drei kräftigen
Flügelschlägen gegen die Flugrichtung schien sie ein letztes Mal Maß zu nehmen
und ließ ihren stahlblauen Rumpf mit den schwarz-grünlich schimmernden
Halsfedern auf die gespreizten Krallen sinken. Es war Sonntag, 10. Juli 2005,
18.09 Uhr, Klara war gelandet.
Sie drehte ihren Kopf
fast liebevoll in Jupps Richtung und nickte ihm zu. Jupp nahm sein Handy und
rief die Ankunftskontrollstelle an: „0185-03-231 angekommen, 18 Uhr 10.“ Er
legte auf. Heute früh waren 83 Tauben seines Zuchtvereins „KT 85 Rheinhausen“
zusammen mit 4417 Tauben anderer Vereine um 6.45 Uhr in Tartas, einer Ortschaft
zwischen Bordeaux und Bayonne, gestartet, genau 902 Kilometer entfernt. Wie
ausgehungert begann Klara Körner zu picken und schien sich schon auf ihre
Belohnung zu freuen: Das Turtel-Stündchen mit Hector, ihrem Mann. Immer nach
vollbrachter Heimkehr durften die beiden sich sehen. Jupp nannte das „Tuning“.
Hector war ebenfalls
eine Renntaube, doch bei weitem nicht so gut wie Klara, die abgeklärte
Draufgängerin. Bis zur letzten Saison war Klara die schnellste Taube aller
Zeiten gewesen. Von Kapstadt bis Duisburg in 28 Stunden und 3 Minuten. Eine
Leistung, die nie eine Taube zuvor vollbracht hatte. Ob es am Südwind damals
lag oder an der Gerissenheit seiner Klara, die ihm wieder und wieder
Höchstleistungen vorgeführt hatte, Jupp würde es nie ergründen. Eines wusste er
jedoch: durch dick und dünn, durch alle Wetter und Gefahren, ob Nebel, Regen,
Schnee, seine Klara fand immer wieder nach Hause in ihren Taubenschlag, den
Jupp für sie, Hector und ihre Vorgänger gebaut hatte.
Jupp nahm die letzte
Flasche Bier aus dem gekühlten Sixpack, sah auf die fast stumpfe Fläche des
Spiegels, den er gleich nach dem Bau der Holzlaube mit Taubenschlag neben der
Eingangstür angebracht hatte, und prostete sich zu.
Zehn Jahre war das her
oder fünfzehn, als Jupp Mechthild, seine Frau, kennen gelernt hatte, die Tochter
des Taubenvereinsvorsitzenden Johannes Umierski und acht Jahre jünger als er.
Damals hatte er die Laube gebaut, auf der Freifläche neben dem Rheinhausener
Stahlwerk, wie viele andere, die nach der Arbeit Entspannung im Gemüse
brauchten. „Wenn du zum Rhein willst, musst du nur zweimal spucken, diese
Richtung“, hatte ihm sein Nachbar, Walter Wolkenkötter, damals gesagt und mit
seinem Kopf Richtung Autobahnbrücke genickt. Dann hatte Jupp das Grundstück für
1000 Mark gekauft.
Die Laube stand
schnell. Mechthild, seine Geschwister und die Eltern, alle hatten mitgeholfen,
sogar der Umierski. Seit seiner Heirat mit Mechthild erschien Jupp das Leben
wie ein Bilderbuch. Sie bezogen die von Johannes Umierski finanzierte
Eigentumswohnung in der Stresemannstraße, erstes Geschoss, ganz in der Nähe,
mit Balkon vor dem Schlafzimmer. Weil er am liebsten, so lange er denken
konnte, den Vögeln beim Landen, Picken, Putzen und Abfliegen zusah, füllte er
Körner in die Blumenkästen auf der Brüstung. Zuerst kamen die Spatzen, dann die
Tauben. Dann baute Jupp den Taubenschlag oben auf das Gartenhäuschen. Mechthild
ließ es zu, seine Mechthild. Sie arbeitete als Gelegenheitsprostituierte
überwiegend zu Hause und fand die Geräusche vom Balkon „einfach anregend“,
besonders, wenn einer der hohen Herren aus der zweiten Etage bei Thyssen auf
ein Schwätzchen vorbeikam.
Er, Jupp, war
Kranführer im Stahlwerk drüben, bis die Tore geschlossen wurden, fast zwanzig
Jahre lang. Bald konnten sie die Eigentumswohnung Vater Johannes abkaufen. Jupp
hatte sich in dieser Zeit die teuren Tauben gekauft und deswegen eine
Schlafcouch in die Laube gestellt. Darüber das von Wand zu Wand reichende Regal
mit mittlerweile 48 Pokalen für den ersten Platz beim Taubencorso. „Jedes
Lebensjahr einen“, so Jupp, wenn er sich zum Putzen auf das Bett stellte. Das
war einmal im Monat.
Er übernachtete immer
häufiger im Gartenhaus, aus Furcht, jemand könne ihm das Wertvollste, seine
Tauben, stehlen wollen. Als er arbeitslos wurde, zog er mit Handy und
Radiorecorder aufs Gartengrundstück und rief an, bevor er sich auf den Weg nach
Hause machte.
„Ist das Leben nicht
schön?“ Das war immer Jupps erster Satz, wenn Walter Wolkenkötter auf ein
Fläschchen Bier in der Abendsonne vorbeikam, „alle jammern und uns geht es
gut“.
„Tja“, war stets
Wolkenkötters Antwort, bevor er die Flasche an die Lippen setzte.
Mechthild schien die
Ehe zu gefallen, jedenfalls kam sie immer sonntagvormittags vor dem Kirchgang
mit den neuesten Nachrichten aus der Straße, ein paar Flaschen Bier, warmen
Brötchen und etwas Geld vorbei, wie heute morgen.
Jetzt aber lag Glück
auf Jupps Gesicht, graublondes, schütteres Glück. Unter ihm knarzte die am
Vormittag gefegte Holzdiele. Er stieg die Leiter zur Klappe in den Schlag aus
Hasendraht hinauf, öffnete mit nur einem Handgriff den Tuning Salon für Klara
und wartete ab, was geschehen würde. Klaras Nadelkopfaugen schienen Jupp zu
durchbohren, bevor sie die Schwelle zum Salon überschritt. Jupp stieg zurück
zum letzten Sixpack. Was jetzt passieren sollte, das wusste er nur zu gut.
Hector würde sich freuen und der Wolkenkötter käme sicher auch gleich. Jupp
setzte sich und öffnete schon mal zwei Flaschen.
Die Abendsonne
schimmerte durch die Wolken.
Wolfgang
Allinger lebt in Herxheim-Hayna.